Über Brutalität im Sport zu klagen, hat keinen Sinn. Mögen die Regeln noch so perfekt und die Schiedsrichter wachsam und streng sein – die Brutalität ist ein fester, programmatischer Bestandteil des Spiels. Die Sportler, die im Namen der Freundschaft und des edlen, fairen Wettkampfes antreten, tun sich nur in den Sportarten körperlich nichts an, wo sie keine Gelegenheit zum körperlichen Kontakt haben, wie zum Beispiel bei Tennis. Obwohl, es ist schon, meines Erachtens, brutal genug, einen Freund von einer Ecke des Feldes in die andere zu hetzen – im Privatleben würde solches Benehmen mit Sicherheit ein Ende der Freundschaft bedeuten. Immerhin bleiben aber die Schienbeine und Zähne heil.

Beim Fußball ist es anders – man hat unmittelbaren Kontakt, und man nutzt ihn brutal aus. Solange es im Rahmen der Regeln bleibt, oder wenn die Schiedsrichter es nicht merken, heißt es „Kraftspiel“ und wird gelobt.

Es war im Sport schon immer so, und es wird so bleiben, solange man Wettkämpfe direkt auf dem Felde und nicht simuliert per Computer austragen wird. Das Maß der Brutalität ist eine Sache der Gelegenheit. Fußballer oder Eishockeyspieler haben es doch ein wenig schwerer, massiv zu werden, als zum Beispiel Wasserballer, bei denen das Wasser die Sünden verdeckt. Friedrich Torberg, ehemals Meister-Wasserballer, erinnert sich in seinem neuen Buch „Die Erben der Tante Jolesch“ an Spiele von vor einem halben Jahrhundert, Damals waren die Ungarn die führende Mannschaft. Ihre Partner „empfingen sie gleich beim Aufschwimmen mit einer kombinierten Ober- und Unterwasserattacke, die als „ungarische Begrüßung‘ bekannt war: rechter Ellbogen in den Brustkasten, linke Faust in die Magengrube und mit dem Knie von unten ins primäre männliche Geschlechtsmerkmal“.

Die fußballspielenden Nachkommen der ungarischen Wasserballer von damals taten auch in dieser Richtung ihr Möglichstes, als sie bei der Weltmeisterschaft gegen die Argentinier verloren. Was nicht unbedingt als nationales, eher als sportliches Erbe anzusehen ist.

Falls der Fußball eine symbolische Nachahmung des Krieges ist, kann dies alles nicht verwundern. Im Krieg geht man eben brutal ans Ziel, man will mit aller Kraft siegen – wie auch immer sie eingesetzt wird. Gute Absichten der Funktionäre und Regelmacher können hier nichts ändern.

Im Unterschied zum Krieg wird eine Fußballmannschaft selten im Siegesrausch brutal – aus taktischem Kalkül, um ihren Sieg nicht zu gefährden. Beim richtigen Krieg gibt es eben keine Schiedsrichter mit Vollzugsgewalt. Angesichts einer Niederlage, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben, werden aber die Spieler besonders aggressiv – was wiederum dem wirklichen Krieg ähnelt. Vielleicht sollten die Kriegsstrategen dies als Lehre sehen.

Man darf auch nicht vergessen, daß der Fußball nicht direkt vom Krieg abgeleitet wurde – dazwischen standen noch die Gladiatorenspiele im alten Rom. Da mußte man den Gegner töten, um Sieger zu werden und selbst zu überleben. Das war eine enorm starke Motivation – sowas hält sich in der Tradition lange. Auch in der Tradition des Publikums. Es verlangt von seinen Gladiatoren vollen Einsatz, auf Leben und Tod, koste es, was es koste. (Die Preise für Star-Gladiatoren auf dem römischen Sklavenmarkt waren durchaus mit den heutigen Starpreisen vergleichbar.) Und wenn das Publikum keinen richtigen Einsatz auf Hals- und Beinbruch sieht, hält es seine Lieblinge für feige und faul und zeigt erst recht mit dem Daumen nach unten. Was zwar heute nicht den Tod, doch aber empfindliche finanzielle und existentielle Verluste zur Folge hat.