Von Wolf gang Hoffmann

Bei kaum einem Ministerium hat die christdemokratische Opposition in Bonn so oft den Rücktritt des Mannes an der Spitze gefordert wie beim Entwicklungsministerium. Und sie erreichte – wenn auch stets auf andere Art – immer wieder ihr Ziel. Die personelle Fluktuation an der Spitze dieses Hauses war in den letzten Jahren größer als in jedem anderen Ressort.

Nach der mit sechs Jahren relativ langen Ära des gelegentlich mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf für die Dritte Welt engagierten Erhard Eppler hatte Egon Bahr das Ressort nur zweieinhalb Jahre verwaltet. Nachfolgerin Marie Schlei gab mit gut einem Jahr ein noch kürzeres Gastspiel. Sie hatte mit unschicklichen Auftritten, die bis zur Peinlichkeit gingen, schnell öffentlichen Unmut erregt. Seit der Kabinettsumbildung im Februar dieses Jahres leitet nun Rainer Offergeld das oft umstrittene Ressort.

Der Mann mit dem für die Dritte Welt so beziehungsreichen Namen scheint nach den hundert Tagen, die er nun im Amt ist, die Gewähr dafür zu bieten, daß es im Haus und darum herum wieder ruhig wird. Das ist für ein Ressort, in dem Kontinuität eine besondere Rolle spielen muß, von großer Bedeutung. Immerhin müssen unter Offergeids Regie noch Projekte abgewickelt werden, die schon in der Zeit vor Erhard Eppler in Angriff genommen wurden. Und Offergeld weiß, daß Projekte, die er jetzt politisch in Gang setzt, erst realisiert werden, wenn er vielleicht schon lange nicht mehr Minister ist. Konkrete Entwicklungspolitik ist eine Angelegenheit von Dekaden, nicht von einigen Jahren. Diese frühe Einsicht wird Offergeld vor Torheiten bewahren. –

Eine zweite mag ihm auch nicht schaden. Eigentlich müßte einem Entwicklungsminister die Lust, seinen „Geschäftsbereich selbständig und unter eigener Verantwortung“ zu leiten, wie es ihm vom Grundgesetz an sich zugebilligt wird, im Bonner Regierungsalltag rasch vergehen. Denn auf dem Feld der Entwicklungspolitik versuchen sich viele Bonner Minister zu profilieren. Neben dem zuständigen Ressortminister hat der Wirtschaftsminister über die Rohstoffpolitik das Sagen; er sieht es auch als seine Aufgabe an, darüber zu wachen, daß die gegenwärtige Wirtschaftsordnung der Welt nicht von den Entwicklungsländern in eine dirigistische Superbürokratie umfunktioniert wird. Der Außenminister läßt gleichfalls keine Gelegenheit aus, an die politischen Interessen der Bundesrepublik in der Dritten Welt zu erinnern – und die decken sich nicht immer mit den entwicklungspolitischen Notwendigkeiten. Der Finanzminister schließlich ist kompetent für die Schuldenfrage und hält im übrigen auch noch den Daumen auf die ganze Kasse.

Das wären Gründe genug, einen Entwicklungsminister zu frustrieren. Offergeld indes bleibt gelassen: „Von Frustration kann keine Rede sein. Ich habe in meiner politischen Tätigkeit gelernt, daß der Gesamtzusammenhang immer stärker wird. Wo immer man etwas anfaßt, hat das Wirkungen in die verschiedensten Bereiche der Politik.“ Rainer Offergeld hat nicht den Ehrgeiz, sich als starker Entwicklungsminister im Sinne der Ressortgewalt zu profilieren. Nüchtern sieht er, daß ein Politiker mit der „reinen Lehre“ über kurz oder lang auf der „Strecke“ bleiben wird. Danach drängt sich der stets auf Ausgleich bedachte Offergeld ganz gewiß nicht.

Er hat ohnedies mehr sachliche Probleme als ihm lieb sein können. Vorrang hat in diesen Tagen und Wochen die Gestaltung seines Etats. Offergeld hat bereits durchschaut, daß die von seiner Vorgängerin, Marie Schlei, als Erfolg hochgelobte Etataufstockung von 1977 auf 1978 um 23 Prozent eher ein Schwindel war. Tatsächlich waren zwar die flüssigen Mittel des Ministeriums kräftig erhöht worden, allerdings nicht, um neue entwicklungspolitische Akzente zu setzen, sondern um in diesem Jahr verbindliche Zusagen aus der Vergangenheit einlösen zu können.