Die Erhöhung dieser Barmittel für 1978 hat verschleiert, daß in Wirklichkeit Kürzungen vorgenommen worden sind, die weit gravierender als die Erhöhung der flüssigen Mittel sind. Es handelt sich um die sogenannten Verpflichtungsermächtigungen. Das ist der finanzielle Rahmen, mit dem konkrete Entwicklungspolitik gestaltet wird. Weil die Planung von Entwicklungsprojekten bis zum Beginn der Verwirklichung oft mehrere Jahre dauert, hat der Entwicklungsminister das Recht, sich jährlich in einer bestimmten Höhe gegenüber seinen Partnern in der Dritten Welt für bestimmte Projekte bindend zu verpflichten.

Offergeld weiß, daß „die Verpflichtungsermächtigungen das Entscheidende, die Baransätze erst in zweiter Linie von Bedeutung sind“. Das wird noch dadurch unterstrichen, daß im vergangenen Jahr vorhandene Barmittel nicht voll ausgeschöpft werden konnten, weil vorgesehene Projekte noch nicht reif waren. Wenn nun die Verpflichtungsermächtigungen gekürzt werden, wie das in diesem Jahr der Fall gewesen ist, muß der Entwicklungsminister kürzer treten. Sein Spielraum, selber konkrete Projekte in Angriff zu nehmen, wird enger. Da Offergeld für das laufende Jahr ohnedies schon durch den Etat seiner Vorgängerin festgelegt ist, bedeutet das für ihn, daß „die entscheidenden Auseinandersetzungen mit dem Finanzminister, die grundlegenden politischen Weichenstellungen beim kommenden Haushalt dort fallen, wo es um die Verpflichtungsermächtigungen geht. Alles andere ist mehr oder weniger Beiwerk.“

Die Frage, ob er auf diesem Feld gegenüber dem Finanzminister hart bleiben will, beantwortet der neue Mann im Entwicklungsministerium, der zuvor jahrlang als parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium Erfahrung im Umgang mit Steuergeld sammeln konnte, ausweichend: „Ich weiß, daß das der entscheidende Punkt ist.“ Was Rainer Offergeld als Minister durchsetzen kann, wird sich mithin erst im Herbst, wenn der Haushalt für das Jahr 1979 verabschiedet wird, erkennen lassen.

Da der neue Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit die finanziellen Möglichkeiten kennt, geht er davon aus, daß „Wünsche offen bleiben“, vor allem der Wunsch, das oft proklamierte, aber von kaum einem Industrieland verwirklichte Ziel zu erreichen, mindestens 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts in Form von öffentlicher Hilfe in die Dritte Welt zu transferieren. Auf die Erfüllung dieses Versprechens angesprochen, weicht der neue Mann ebenso wie seine beiden Vorgänger Schlei und Bahr mit dem Hinweis auf die deutschen privaten Direktinvestitionen und insbesondere auf die Handelspolitik aus. Durch die Öffnung der deutschen Märkte für Produkte aus der Dritten Welt habe die Bundesrepublik schließlich Akzente gesetzt. Hier geht sie in der Tat vielen reichen Ländern mit gutem Beispiel voran, während sie mit einem Anteil der öffentlichen Hilfe am Bruttosozialprodukt von nur 0,27 Prozent keine sonderlich gute Figur auf der Weltbühne macht.

Das der Industrie nahestehende Institut der Deutschen Wirtschaft hat allerdings kürzlich ermittelt, daß die Bundesrepublik auch im Handelsbereich keineswegs der Musterknabe ist, als den sie sich gern darstellt: „Gemessen an der Gesamteinfuhr liegen die Importe der Bundesrepublik aus Entwicklungsländern mit 21,4 Prozent unter dem Durchschnitt der OECD-Länder von 28,5 Prozent. Und die USA mit 43,5 und Japan mit 55,1 Prozent liegen deutlich über diesem Niveau.“ Doch diese Rechnung will Offergeld nicht gelten lassen: „Viel bedeutsamer ist die Aussage, daß wir pro Kopf der Bevölkerung bezogen auf alle Industrieländer den höchsten Import aus der Dritten Welt haben. Wir nehmen ein Drittel aller Entwicklungsländerimporte innerhalb „der EG auf. Das sind Leistungen, die sich vorzeigen lassen.“ Und wenn Japan prozentual so vorbildlich sei, dann werde übersehen, daß gerade Japan eine äußerst restriktive Importpolitik bei Fertigwaren betreibe. Für das an Bodenschätzen arme Land sind Rohstoffeinfuhren aus der Dritten Welt eine schlichte Notwendigkeit und keine, besonderen Hilfsmaßnahmen zugunsten der Entwicklungsländer.

Mit nüchternem Engagement verteidigt Offergeld die liberale Marktpolitik der Bundesrepublik gegen Bestrebungen der EG-Kommission in Brüssel, „sensible Industriebereiche“ gegen Importe abzuschotten. Offergeld, dem jetzt der Vorsitz im EG-Rat der Entwicklungsminister zufällt, wird in Brüssel deutlich wiederholen müssen, was er während des Gesprächs in seinem Ministerbüro offen sagte: „Ich halte von solchen Überlegungen überhaupt nichts. Das bedeutet ja, daß Produkte, bei denen wir strukturelle Probleme haben, nicht mehr in unsere Märkte hereingelassen werden. Im Grund würden wir die Entwicklungspolitik konterkarieren. Erst bauen wir den Ländern Industrien auf, und wenn ciese Industrien dann produzieren, sagen wir April, April, jetzt kaufen wir euch nichts ab. Das sind protektionistische Tendenzen in der EG-Kommission, die in unterschiedlicher Verkleidung mit den sophistischsten Argumenten immer wieder auftauchen.“

Für die Lösung dieses Widerspruchs hat aber auch der deutsche Entwicklungsminister kein sonderlich konkretes Rezept. Strukturanpassungen der heimischen Industrie – im Textilbereich erfolgreich praktiziert – sind notwendig, so lautet auch seine Standardantwort. Sein derzeit größtes internationales Problem ist der Nord-Süd-Dialog sowie die Forderung der Entwicklungsländer nach einer Streichung der Schulden vor allem der ärmsten Länder und die Stabilisierung der Rohstoffpreise. In der Schuldenfrage zeigt Bonn Beweglichkeit. Die Bereitschaft, Schulden im Einzelfall ersatzlos zu streichen, ist gestiegen. Die Idee, den ganz armen Ländern verlorene Zuschüsse statt Kredite zu gewähren, wurde in einem Fall bereits in die Tat umgesetzt: Der Sudan erhielt als erstes Land 80 Millionen Mark, weitere Länder sollen folgen.