Weder für Christdemokraten noch für Kommunisten gibt es eine Flucht aus dem Bündnis

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juni

Italien erlebt seit der Ermordung Aldo Moros, daß es in der Politik keiner Wunderkräfte bedarf, um Tote lebendig zu machen – und dies nicht etwa als billige Geisterbeschwörung. "Seit Jahren ist etwas schadhaft, verrostet im normalen Mechanismus des italienischen politischen Lebens", hatte Moro am 28. Februar den christdemokratischen Abgeordneten in einer Rede dargelegt, die erst jetzt als sein "Testament" veröffentlicht wurde. Was aber würde geschehen, so fragte damals Moro, wenn sich dieses ebenso leidenschaftliche wie zerbrechliche Italien einer totalen Opposition – "gleich ob von uns oder von anderen angeführt" – gegenübersähe?

Zweimal, bei den Teil-Kommunalwahlen vom 15. Mai und nun bei den Volksentscheiden vom 11. Juni, haben die italienischen Wähler diese bange Sorge Moros auf eine vertrackte Weise bestätigt: zuerst, indem sie den Kommunisten, die auf ihre Oppositionsrolle verzichtet haben, ein Viertel der 1976 gewonnenen Stimmen entzogen und zugleich den Christdemokraten neuen Zuwachs bescherten, trotz deren Allianz mit den Kommunisten – dann, indem sie zwar den Parteien der Regierungskoalition mit 76 Prozent den Rücken stärkten für einen verschärften Polizeikampf gegen den Terrorismus, jedoch nur mit der knappen Mehrheit von 56 Prozent die Finanzierung der Parteien durch den Staat billigten.

Aus trüben Quellen

So lautstark jetzt die Siegesrufe – vor allem der Kommunisten und Christdemokraten – diesen Ausgang der Volksentscheide begleiten, sie können nicht den geradezu schreienden Widerspruch übertönen, der dabei zum Vorschein gekommen ist: Die Italiener wählen zwar diese oder jene Partei, die sie für besser als andere (oder auch nur das kleinere Übel) halten. Sie sind auch mit großer Mehrheit bereit, die Parteien im Kampf gegen Anarchie und Gewalt zu unterstützen. Doch das Vertrauen zu diesen Parteien, zu ihrer Regierungskunst oder Oppositionsfähigkeit und nicht zuletzt zu ihrer "Sauberkeit" ist sehr begrenzt. Denn in dreißig Jahren hat sich die italienische "classe politica einen schlechten Ruf erworben. So gönnen 44 Prozent der abstimmenden Bürger den Parteien ihrer Wahl nicht einmal die jährlich tausend Lire (2,50 Mark) Steuergeld, die der Staat pro Wähler für die Parteifinanzierung ausgibt. Riskieren sie also lieber, daß Parteiapparate aus trüben Quellen "geschmiert" werden? Mit brüderlicher "roter Hilfe"? Oder aus der Aktentasche, die ein Lockheed-Bevollmächtigter (wie jüngst gerichtlich bestätigt) im Ministerbüro deponiert?