Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

An Ratschlägen herrscht kein Mangel; nur sind sie alle etwas sonderbar. Er könne ihm Glück, nicht durch Kabinettsbeschluß verschaffen, meinte der Kanzler. Standfestigkeit und Konsequenz müßten auch um den Preis bewiesen werden, daß die anfängliche Vertrauensbasis, ja sogar der Anhang bei bestimmten Parteifreunden schwinde, mahnte der bisherige Amtsinhaber. Und dies alles wurde nicht im stillen Kämmerlein gesprochen, sondern vor der versammelten Ministerialmannschaft, beim Stabwechsel von Werner Maihofer zu Gerhart Rudolf Baum. Alles in allem: Einstandswünsche, die kaum ermutigend sind.

Nie zuvor hat ein neuer Bundesinnenminister so nahe auf Null beginnen müssen. Der Kronprinz, auf den sich wie selbstverständlich aller Augen richteten, war Baum nämlich nicht, als Maihofer halb resigniert, halb trotzig aufsteckte – schneller als gedacht und geplant – und die Freien Demokraten dadurch in eine ebenso plötzliche wie peinliche Verlegenheit brachte. Daß er erst auf den Schild gehoben wurde, als Wolfgang Mischnick, Willi Weyer, Hans-Günter Hoppe und schließlich Otto Graf Lambsdorff abgesagt hatten, hat Baum unvermeidlich das Odium eingetragen, nur zweite oder dritte Wahl zu sein. Da verschlägt es zunächst wenig, daß er von der Sache wie vom Credo her besser in das politische Koordinatensystem paßt als mancher andere: Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium seit fünfeinhalb Jahren und als engagierter Parteigänger der sozial-liberalen Koalition von Anfang an über jeden Zweifel erhaben.

Freilich, hinter dem Amt war letzthin die Person verschwunden. Ohnedies teilte Baum das Los vieler Amtsgenossen: Als „Parlamentarischer“ trat er weder als Abgeordneter noch als Mann des Ministeriums ganz in Erscheinung. Und Kronprinz hat er, wenngleich er keineswegs ohne Ehrgeiz ist, nicht sein wollen. Statt dessen übte er, je mehr sein Duzfreund Maihofer nach der Traube-Affäre und bei den folgenden Zweifelsfällen ins Schleudern geriet, desto größere Loyalität. Damals hat er dem Minister wohl gesagt, daß er nicht nach der Nachfolge trachte, mochte er auch immer deutlicher sehen, daß sich diese Frage eher über kurz als über lang stellen würde.

Dieser stille Loyalitätsbeweis ist für die nächste Zeit Baums größtes Kapital. Das Handikap, daß er darüber als Person in den Hintergrund geraten ist und noch Konturen gewinnen muß, nimmt er in Kauf. Natürlich beschwert es ihn, daß er bis zum Beweis des Gegenteils eher als Verlegenheitslösung gilt. Aber in diesem Manko sieht Baum neben der Herausforderung auch einen Vorteil: Vorschußlorbeeren hätten ihn mehr belastet, zumal auf der Stolperstrecke des Innenressorts.

Wie steinig dieser Weg ist, darüber kann der 45jährige gelernte Jurist keine Illusionen haben. Dazu hat er das Riesenamt mit seinen 19 Unterabteilungen, 136 Referaten, mit 1400 Bediensteten in der Zentrale und mit 36 000 in den nachgeordneten Einrichtungen und Behörden zu gut kennengelernt und in diesem Moloch besonders die undankbaren Aufgaben behandeln müssen. Zum Bereich des Parlamentarischen Staatssekretärs zählten der Umweltschutz, die Medienpolitik, kommunale Angelegenheiten. So solide der Kenntnis-Fundus sein mag, den der bienenfleißige Experte Baum angesammelt hat, so wenig hegt er wohl auch Zweifel daran, daß er als Minister erst noch Figur machen muß. Die Gefahren dieser Gratwanderung, auf der sein Vorgänger gestrauchelt ist, übersieht er nicht: Auf dem schmalen Pfad zwischen Sicherheit und Liberalität, zwischen der Abwehr der terroristischen Bedrohung und der Bewahrung des Rechtsstaates muß er sich bewähren.