Von Michael Schweizer

Was vor beinahe fünf Jahren auf der Autobahn München–Garmisch unter tragischen Umständen eine neue Epoche für die bundesdeutsche Reifenindustrie einläutete, findet dieser Tage sein vorläufiges Ende. Die Geschäftsstelle des Münchner Landesgericht II erwartet die schriftliche Niederlegung eines bemerkenswerten Urteils: Erstmals gelangten Richter zu der Überzeugung, ein Entwicklungs-Chef der Industrie müsse auch die Folgen für sein mißratenes Produkt tragen.

Dreiunddreißig Seiten umfaßt der dickbäuchige Anklagesatz, dessen erstes Datum der 13. Juli 1973 ist: Damals steuerte ein Münchner Klempnermeister seinen schnellen BMW 2800 über die vollkommen trockene Autobahn, im Wagen waren auch die Ehefrau und zwei Kinder. Plötzlich platzte der rechte Hinterreifen – die Lauffläche war buchstäblich auf der Strecke geblieben. Kinder und Fahrer wurden tödlich, die Frau schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte und wurde alsbald fündig: Der Produzent der Reifen hatte geschlampt und dadurch insgesamt zwölf Unfälle mit sieben Todesopfern und 21 Verletzten verursacht. Am 21. April dieses Jahres sprach Vorsitzende Richterin Hildegard Burger in München das Urteil: ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung und eine Bewährungsauflage von 12 000 Mark.

Bestraft wurde nicht das Herstellerwerk, sondern dessen damaliger Leiter der Abteilung „Reifentechnische Entwicklung“, Dr. Anton Liebherr. Für seinen Brotgeber, die Münchner Metzeler AG, backte der gelernte Maschinenbauer seit über 20 Jahren Gummi – doch gelernt hatte er das Handwerk nie richtig. Lediglich „auf den Grundlagen der Reifenentwicklung“ sei er dem Metier nähergekommen.

Was am Fall Liebherr schließlich zutage trat, wirft nicht nur ein schiefes Licht auf ein einzelnes Unternehmen, sondern auch Schatten auf eine Branche, die jährlich allein hierzulande 2,6 Milliarden Mark umsetzt. Denn bis heute gibt es weder einen Lehrstuhl für Reifenbau noch befaßt sich der sonst so rührige Technische Überwachungsverein (TÜV) mit den Reifenherstellern. Überdies gibt es keine verbindlichen Vorschriften für die Konstruktion des Reifens selbst, die Entwicklung liegt allein im Verantwortungsbereich der Hersteller. Und eben hier hakte die Justiz ein: Zuwenig Versuche seien mit dem Hochgeschwindigkeitsreifen „Monza-Steel“ gemacht worden, was heute selbst die Nachfolgefirma der weiß-blauen Reifenbauer nicht bestreiten will. Inzwischen gehört die Pneufabrikation nämlich zum Chemiekonzern Bayer AG, der 1974 die Metzeler AG übernahm und dadurch rechtlich aus dem Schneider ist.

Am 23. März dieses Jahres wurde die Chefetage erneut beunruhigt. Bayers Bayern mußten die sogenannten „Blauen Winterreifen“ zurückrufen, die seit Anfang ’75 nicht mehr gefertigt wurden und jetzt chronische Altersschwäche zeigten. Zwischen 50 000 und 100 000 Pneus wähnte das Unternehmen noch auf den Straßen, rund die Hälfte davon waren nach eigenen Angaben bis Anfang Juni zurückgerollt.

„Hundert Mark pro Reifen kostet der Spaß“, erläuterte ein Sprecher des kleinsten deutschen Reifenherstellers, dem zu alledem auch noch die recht zweifelhafte Ehre des ersten Rückrufs in Deutschland gebührt. Das war im Januar 1975. Seitdem verschickten fast alle namhaften Hersteller ein- oder mehrmals ihre meist lapidaren Pressemitteilungen; der spektakulärste Falk:Veith Pirelli orderte am 4. November 1976 nach Berechnungen der Deutschen Presse-Agentur 200 000 Reifen in die Werkstätten. Was freilich die Nachrichtenagentur recherchiert haben wollte, liest sich nach jüngst geäußerten Angaben des hessischen Reifenherstellers gänzlich anders: Nur 4000 marode Exemplare sollen zurückgekommen sein, da die meisten abgefahren waren.