Von Kurt Sontheimer

Wie wenige andere repräsentiert der Publizist und Politikwissenschaftler Dolf Sternberger die politische Kultur der repräsentativen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Seine vielen Schüler, Verehrer, Freunde und Gesinnungsgenossen haben anläßlich seines 70. Geburtstages eine auch in ihrer äußeren Aufmachung repräsentative Festschrift vorbereitet:

„Res Publica. Studien zum Verfassungswesen. Dolf Sternberger zum 70. Geburtstag“; Hrsg. Peter Haungs; Wilhelm Fink Verlag, München; 481 S., 90,– DM.

In der Einleitung skizziert der Herausgeber die Schwerpunkte des wissenschaftlichen und publizistischen Schaffens Sternbergers, die durch das ständige Bemühen charakterisiert sind, „die wahre Natur der repräsentativen Verfassungen zu erkennen und zu begreifen, damit wir wissen, in welcher politischen Welt wir leben, was für Einrichtungen wir zu verteidigen haben, was für Möglichkeiten der Veränderung wir nutzen können, ohne die Freiheit zu gefährden“. Sternberger war stets ein beredter Apologet des freiheitlichen Verfassungsstaates, ein Republikaner im besten Sinne des Wortes. Insofern trifft der Titel dieser Festschrift sein wesentliches Anliegen – durch wissenschaftliche Arbeit, publizistisches Wirken und politische Erziehung, die Dinge öffentlich zu machen, auf die es für das Wohl und Wehe des demokratischen Verfassungsstaates. wesentlich ankommt.

Die meisten Mitarbeiter an diesem Band sind aus dem Institut für Politische Wissenschaften an der Universität Heidelberg hervorgegangen, in dem Sternberger seit 1955 bis zu seiner Emeritierung 1972 tätig war und von dem viele wichtige Beiträge für die neu. entstehende Politische Wissenschaft inv-der Bundesrepublik ausgingen. Die Texte reichen von ideengeschichtlichen Beiträgen über Themen aus der vergleichenden Regierungslehre bis zu höchst lesenswerten Analysen zu Gegenwartsproblemen des modernen Verfassungsstaates, zum Beispiel dem Beitrag, von Wilhelm Hennis „Vom gewaltteilenden Rechtsstaat zum teleokratischen Programmstaat“ oder etwa dem von Hella Mandt über den „Verfassungsgrundsatz der streitbaren Demokratie“.

An dieser Stelle ist eine auch nur oberflächliche Würdigung der zahlreichen Einzelbeiträge unmöglich. Es sei jedoch hervorgehoben, daß die Beiträge in ihrer großen Mehrzahl ein bemerkenswertes wissenschaftliches Niveau aufweisen und zentrale Fragestellungen der politischen Theorie und der politischen Institutionenlehre der Gegenwart berühren. So ist es nicht ohne Interesse, einen Aufsatz Bernhard Vogels, des Ministerpräsidenten, zur Rolle des Bundesrates zu lesen, wenn man weiß, daß Vogel aus Sternbergers Institut hervorgangenen ist und die von diesem stets vertretene Verantwortung der Wissenschaft für die politische Praxis in eine Verantwortung des Politikers gegenüber den von der politischen Theorie entwickelten Zielsetzungen „umfunktioniert“ hat.

Die Festschrift soll in erster Linie den Repräsentanten einer in der jahrhundertealten republikanischen Tradition stehenden politischen Wissenschaft ehren. Sie kann die literarische Komponente Sternbergers, der mit der umsichtigen Pflege der politischen Kultur; stets auch die Pflege der sprachlichen Kultur verband, nur unvollkommen reflektieren. Dazu sei auf die mannigfachen Schriften Sternbergers selber verwiesen, die in einer den Band beschließenden Bibliographie ausführlich zusammengestellt sind.