ARD, Sonntag, 11. Juni: „Die Klassiker als Prügelknaben?“, Film von Dieter Hildebrandt anläßlich des Berliner Theatertreffens 1978

Ein Mitternachtsfilm für die sogenannte Elite. Eine Darbietung für die kleine Schar jener Theaterkenner, denen Natalie von Oranien aus Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ so vertraut ist wie den Millionen Beckenbauer oder Sepp Maier. Ein Festival für die happy few, die am Ende eines langen Fußballtags die Ihrigen freundlich begrüßen – jene verläßlichen Meister, die von der Bühne heruntergefegt würden, wenn es ihnen in den Sinn käme, einen Abend lang wie Vogts oder Fischer im Kampf gegen Tunesien zu spielen.

Doch wehe den Armen, denen beim Anblick eines splitternackten, lediglich mit einer Augenbinde bekleideten Mannes nicht auf den ersten Blick deutlich wird, daß es sich hierbei um einen Kavalleriegeneral aus dem Kurfürstentum Brandenburg handelt. Wehe den Realschülern, die im Präsidenten von Walter nicht unverzüglich den hochgestellten Vater jenes Majors erkennen, der seinerseits, und zwar zu seinem Unheil, in die Tochter eines Kunstpfeifers verliebt ist – so wie Schiller es in einem bürgerlichen Trauerspiel fünf Akte lang beschrieben hat.

Ein Stück, das nicht fürs Volk bestimmt war, ging über die Bühne. Prominente Dramenfiguren schritten einher (Ferdinand, ihr wißt ja schon, liebe Freunde; es wäre eine Beleidigung, wenn wir den vorstellen müßten), prominente Regisseure legten Stich wort-Weisheiten dar: Wer auf sich hält, hat bekanntlich zu wissen, was Heyme, Peymann und Zadek von den Klassikern halten.

Ein winziger Szenenausschnitt, ein Fetzen-Dialog mit einer Handvoll von Spielwarten, ein paar intelligente Thesen Dieter Hildebrandts – das Ganze so gemischt, daß am Ende auch der gutwilligste Betrachter nicht erkennen konnte, was mit diesem Film denn nun eigentlich bewerkstelligt werden sollte: Thema verfehlt!

Die Verachtung der Klassiker (ihnen von einer bürgerlichen Jung-Mannschaft gezollt, die sich an Schiller und Kleist überfressen hatte) ist gottlob passé, und passé ist ebenso die Einschüchterung durch Feierlichkeit. Die Klassiker haben ihren Witz und ihre Widersprüchlichkeit, ihre Keckheit und jenen aufmüpfigen Sinn wiedergefunden, die ihre vermeintlichen Apologeten, die Platzanweiser im Olymp, nicht wahrhaben wollten. Aber besteht nun nicht die Gefahr, daß die Widerspenstigen, vom Podest Heruntergeholten, durch jene vorschnelle Eingemeindung, die sie ihre Fremdheit verlieren läßt, ebenso rasch wie einst durch Kanonisierung zu den unseren werden – daß sie ihre Fremdheit einbüßen, ihre Provokationskraft und ihre Fähigkeit, auf das Versprochene, aber noch Unabgegoltene zu verweisen?

Das nackte Gretchen und der nackte Reitergeneral: sind das nicht, wie der „Bevollmächtigte“ Jesus mit seinen „Mitarbeitern“ (wie es in Bibelübersetzungen heißt, die sich modern nennen), am Ende nur Bildzeitungs-Lösungen? Verunstaltung der Klassiker, Zurücknahme der Aufklärung durch vermeintliche Modernisierung (Kartoffel statt Blume, Adamskostüm statt Generalskleid): über die Gefahr, daß man heute die Gegenwart in gleicher Weise der Vergangenheit oktroyiert, wie um die Jahrhundertwende die Vergangenheit der Gegenwart Über diese Gefahr wäre, am besten unter dem von Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung“ entwickelten Gegensatz von falscher und echter Aktualisierung, zu reden gewesen – und zwar strikt und beispielhaft.

Mit einer Schnipsel-Sammlung für Insider (Motto: Schau, da sitzt der Rischbieter! und wie lässig der Zadek sein Glas hält) ist’s nicht getan. In Lessings Sinne jedenfalls wäre sie gewiß nicht gewesen, die Starparade um Mitternacht, deren Tenor offenkundig wurde, als einmal ein Mädchen sprach, und zwar vernünftig und sachlich, das nicht zu den bekannten gehörte: da tauchte, anders als bei den Männern, den großen und hohen, keine Schrifttafel auf. Da sprach ein anonymes Wesen aus dem Volk. Momos