Ein mißglückter Streik läßt auf eine Reihe von ruhigen Monaten hoffen

Wieder einmal mußte Renault niesen – und wie üblich fürchtete man in Frankreich, das ganze Land könne vom Grippevirus angesteckt werden. Denn immer, wenn beim größten französischen Autounternehmen, der Regie Renault, die Fließbänder stillstehen, ist Gefahr für den ohnehin zerbrechlichen sozialen Frieden in Verzug.

Als jetzt Arbeiter des Automobilwerks zwei Fabriken besetzten, erinnerten diese Aktionen an ein wohlbekanntes Szenario. Denn seit den Unruhen vom Mai 1968, die zum großen Teil von Renault ausgingen, kommt es fast in jedem Frühjahr zu Arbeitsniederlegungen in dem renommierten Staatsbetrieb (Umsatz 1976: 44,6 Milliarden Franc). Meist sind es gar nicht die Gewerkschaften, sondern linksextreme Gruppen, die das Signal zum Ausstand geben. "Wie einst im Mai" raunen sich die Franzosen dann vielsagend zu.

Mit gutem Recht schenken sie Renault mehr Aufmerksamkeit als jedem anderen Unternehmen. Denn die nach dem letzten Krieg nationalisierte Autoschmiede (Eigentümer Louis Renault wurde der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt) galt stets als Prunkstück der französischen Industrie. Renault ist heute nicht nur dem Umsatz nach Nummer zwei in der französischen Industrie, sondern hält bei den Exporten sogar die Spitzenstellung.

Zudem gilt Renault seit jeher als ein Paradepferd der französischen Wirtschaft, weil es unter allen Staatsbetrieben das wohl beste Management aufzuweisen hat: Der 1976 abgetretene Chef Pierre Dreyfus, der sich selbst als Sozialist bezeichnete, genoß trotz seiner linken Ideen sogar in Regierungskreisen höchstes Ansehen. Er wagte es, dem General de Gaulle die Stirn zu bieten und trat vor den letzten Wahlen öffentlich für weitere Nationalisierungen ein. Dennoch soll ihm Staatspräsident Valerie Giscard d’Estaing ein Ministeramt angeboten haben.

Schließlich war Renault auch stets ein soziales Experimentierfeld. Hier entstand schon 1954 ein französisches Modell des modernen Tarifvertrags, das für viele Arbeiter in anderen Branchen noch heute mehr Wunsch als Wirklichkeit ist. Neun Jahre später wurde erstmals die vierte Urlaubswoche für jedermann eingeführt, ohne daß dies gesetzlich vorgeschrieben war. Seit 1972 wird die flexible Altersgrenze praktiziert, die den Arbeitnehmern eine "Pensionierung à la carte" erlaubt.

Die Arbeitsbedingungen sind bei Renault nicht besser als bei der Konkurrenz. Doch dafür werden höhere Löhne bezahlt. Und seit jeher besitzen die Gewerkschaften mehr Mitspracherechte als in Unternehmen gleicher Größenordnung. Daß sie dieses Privileg weidlich nutzen und ihre Teststreiks gerade bei Renault inszenieren, stört indes nicht sonderlich. Denn die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß ein abgebrochener Streik bei Renault die ganze Industrie vor ähnlichen Aktionen bewahren kann.