Lebend war er ein entschiedener Gegner der chilenischen Militärjunta sein Tod indes – der Ex-Botschafter Orlando Letelier wurde am 21. September 1976 in Washington ermordet – droht die Herrschaft der Generäle zu erschüttern. Zu deutlich weisen die Spuren der Bluttat nach Santiago de Chile; dort, irgendwo im innersten Machtzirkel, ist der Mord angeordnet vorden. Pech für Pinochet, daß die Amerikaner Attentate, auf ihrem Boden gar nicht schätzen; doppelt ärgerlich, daß ausgerechnet jener Staat energisch Aufklärung verlangt, auf den das isolierte Chile politisch und wirtschaftlich so angewiesen ist.

Da nutzen alle inneren Konzessionen wenig: daß Verbannte heimkehren und Gegner ausreisen dürfen, daß die Regierung versprechen mußte, das Schicksal vieler „Verschwundener“ zu untersuchen und eine Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen einreisen zu lassen. Vor sechs Monaten hätte Pinochet dies als liberales Einlenken verkaufen können. Heute beweist es nur eins – das Regime ist druckempfindlich geworden. Kirche, Gewerkschaften, Presse und Parteien in Chile melden sich immer kritischer zu Wort.

Vor sechs Monaten hätte Pinochet freilich diesen Druck von außen und die Vorwürfe im Inneren nicht zur Kenntnis genommen. Damals war die Junta noch einig und stark; der Ehrgeiz des bärbeißigen Generals hat sie mittlerweile tief gespalten und geschwächt. Indiskretionen belegen die Risse, Gerüchte vertiefen sie täglich noch, und vor der Tür stehen die zivilen Kräfte, die mit wachsendem Selbstbewußtsein meinen, ab jetzt die Zukunft Chiles besser meistern zu können als die Uniformierten: Patriot Pinochet, tritt zurück! Noch denkt er nicht daran – aber der bis jetzt so eifrigen Kommission, die sein Lieblingsprojekt einer Stände-Schein-Demokratie in Paragraphen gießen soll, hat er drei weitere Monate Formulierungsfrist einräumen müssen. H. B.