Sind die Hochschulen zum Hort für Zehntausende geworden, die den Sprung ins Arbeitsleben scheuen? Neue Veröffentlichungen zeigen, daß die Zahl der Studenten, die noch immatrikuliert sind, aber kaum noch studieren, steigt. Geschätzt wird, daß etwa zehn Prozent aller eingeschriebenen Studenten – das wären 90 000 – zu den „Unechten“ gehören. Die Zahl läßt sich nicht exakt errechnen, aber der Trend ist nicht mehr zu übersehen. Der Präsident der Freien Universität Berlin, Eberhard Lämmert, rechnet mit 10 000 Pro-forma-Studenten an der FU, sein Münchner Kollege Nikolaus Lobkowicz nennt eine ähnliche Zahl. An den Großstadt-Hochschulen gibt es mehr Kartei-Studenten, als in den mittelgroßen Universitäten der Provinz. Die nicht studierenden Studenten blockieren in einigen Fächern die Plätze für die nachfolgenden Studienbewerber und kosten den Staat Geld. Sie nutzen die sozialen Vorteile eines Studiums: das Essen in der Mensa; Fahrpreisermäßigung, einen Platz im Studentenwohnheim und die studentische Krankenversicherung.

Der „ewige Student“ ist so alt wie die Universität. Doch in den letzten Jahren sind die Hochschulen immer mehr zum Wartesaal für alle jene geworden, die sich auf dem Arbeitsmarktkeine Chancen versprechen oder überhaupt davor zurückschrecken, in die Tretmühle der Leistungsgesellschaft einzusteigen. Ihnen ist der Status eines Studenten lieber als der eines Arbeitslosen. An den Hochschulen fühlen sie sich heimisch, spüren sie trotz oder gerade wegen der Aussichtslosigkeit ihrer Lage eine Art Nestwärme.

Die Aussichten auf einen Arbeitsplatz für Akademiker sind zur Zeit nicht rosig. In den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der arbeitslosen Akademiker fast vervierfacht (1971: 10 100, 1977: 39 761). Und die Tendenz ist steigend, da die geburtenstarken Jahrgänge, nachdem sie die Gymnasien durchlaufen haben, in den nächsten Jahren bis 1985 auf die Hochschule drängen. Zwar wollen schon nicht mehr wie 1975 noch 95 Prozent der Abiturienten studieren, sondern nur noch etwa 73 Prozent, aber trotzdem wächst die Zahl der Studenten bis Mitte der achtziger Jahre auf weit über eine Million. Der Arbeitsmarkt hat sich auf das anschwellende Angebot von Akademikern noch nicht eingestellt. Eher im Gegenteil. Der Staat stellte noch vor zwei Jahren rund 60 Prozent der Jungakademiker ein, in Zukunft will er nur 15 Prozent aufnehmen. Die Wirtschaft glaubt, pro Jahr nur ein Prozent Akademiker neu unterbringen zu können.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn etliche Studenten sich lieber in den Hochschulen einnisten, als sich dem harten Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt stellen. Nur geraten sie damit in einen Teufelskreis. Je länger sie studieren, desto schwerer finden sie schließlich einen Arbeitsplatz. Die Wirtschaft bevorzugt Jungakademiker, die nicht nur gute Examen in der Tasche haben, sondern auch wirklich jung sind – möglichst nicht älter als 30 Jahre.

Die Langzeit-Studenten, die sich von der Hochschule nicht abnabeln wollen, treiben entweder in die Resignation oder verbeißen sich in eine Anti-Haltung gegen jeden und alles. Sie einfach von den Hochschulen zu werfen, würde ihre Zukunftsaussichten auch nicht verbessern. Vielmehr sollte ihnen ein klar gegliedertes Studium angeboten werden, das sie besser auf Beruf und Arbeitsleben vorbereitet als heute. Das bedingt jedoch eine Studienreform, die bisher verschleppt wurde. Die Hochschulabsolventen wiederum werden in Zukunft mit Tätigkeiten vorlieb nehmen müssen, die nicht zu den klassisch akademischen zählen. Das wird ein schwieriger Prozeß des Umdenkens, bei dem vor allem die Hochschullehrer den Studenten helfen sollten.

Freilich werden auch dann noch genügend Studenten bleiben, die Angst haben, die Hochschule zu verlassen, und die sich den Leistungsnormen der Gesellschaft entziehen wollen. Die Verweigerer werden unabhängig von der Arbeitsmarktsituation zunehmen, weil sie eine Gesellschaft, in der, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Marinestabsrichter Hitlers Ministerpräsident sein kann, zum „Kotzen“ finden. Doch selbst in ihrer Verweigerung, die ja auf Kosten anderer geht, sind sie noch privilegiert. Manch anderer, sei es Lehrling oder Jungarbeiter, mag so empfinden wie sie, aber seine 40-Stunden-Woche muß er durchstehen. Claus Voland