An einem der schönsten Plätze der Erde wurden am 7. Juni vier Urlauber, darunter zwei Deutsche, von stürzenden Felsen erschlagen. Das war so gekommen:

In einer großen Kurve, gleich der Sichel des neuen Mondes, an den Enden begrenzt von zwei Bergmassiven, liegt im Süden der Insel Ischia der Strand von Tuffstein, angelehnt an eine Steilküste aus Tuffstein, vulkanischen Ursprungs also. Tiefliegende Vulkane speisen dort auch die schon den Römern bekannten Heilquellen mit Wasser und Wasserdampf.

Die trotz aller Krisen in Wirtschaft und Politik äußerst unternehmenden Süditaliener wollen Schönheit und medizinische Lage Morontis nutzen: Sie bauen Restaurants und Hotels. Das ist freilich verboten – also baut man „abusivo“ (mißbräuchlich) und zahlt eine Buße; keine Provinzregierung würde ein illegales, aber fertiges Etablissement zu schließen wagen. Folglich hapert’s mit den Sicherheitsvorkehrungen. Von der Aussieht auf Gewinn besessen, von der Sorge, die Behörde könne trotzdem einschreiten, zur Eile getrieben, haben nun die wagemutigen Ischianer recht wild in die Steilküste hineingebaut; Baumaschinen haben eilig tiefe Löcher in den Berg geschlagen. Da hat, so ist anzunehmen, einer seine Maschine zu schnell und zu tief in den – an sich stabilen – Berg getrieben. Auf 60 Meter Breite sank die Steilküste auf den Strand.

Dieses Jahr nun war der Strand besonders schmal. Die Winterstürme hatten mehr als in anderen Jahren den Sand ins Meer gerissen, und das Frühjahr hatte mit der Rückführung länger als sonst gezögert. So stellten die Restaurants und Hotels ihre Liegestühle dicht an die Steilküste. Vier Urlauber konnten nicht entkommen. Zwei liegen vielleicht noch unter den Bergmassen.

Freilich, und auch das ist süditalienisch, schon eine halbe Stunde nach der Katastrophe war der amtliche Apparat mit Bergungsmannschaften zur Stelle. In einem durch Stützmauern gegen solche Gefahren geschützten Restaurant wurden Räume und Telephon für ein Hauptquartier beschlagnahmt, die in Neapel stationierte US-Marine entsandte Hilfsgeräte, Die Toten wurden geborgen, der Strand, soweit möglich, geräumt, die „abusivo“ gebauten Restaurants und Hotels geschlossen. Das Wasser ist so klar wie je (Maronti liegt an der von Neapel und seinem Dreck abgewandten Seite von Ischia), die Fumarolen der Vulkane dampfen zum Himmel, als sei nichts gewesen. G. B.