Von Reinhard Lettau

In den amerikanischen Zeitungen reißt die Flut von Zuschriften und Artikeln als Reaktion auf die Ausstrahlung des Fernsehfilms „Holocaust“ über die Massenvernichtung der Juden durch die Nazis nicht ab. Viele dieser Artikel sind nicht von Journalisten oder Schriftstellern, sondern von normalen Bürgern, Überlebenden der Konzentrationslager, geschrieben. An dem Tag, wo ich dies schreibe, sind allein in der Los Angeles Times fünf längere Artikel und eine Rezension dreier Bücher über dieses Thema erschienen, es wird gemeldet, daß Universitäten Vorlesungen über „Holocaust“ vorbereiten, eine sogar einen Lehrstuhl eröffnet hat, daß Präsident Carter eine Gedenkstätte errichten läßt. Man hat den Eindruck, daß der Film im ganzen Land Trauer und Besinnung ausgelöst hat. Warum gerade jetzt?

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Am 20. April dieses Jahres veröffentlichte die Los Angeles Times auf ihrer Op-Ed-Seite, also an auffälliger Stelle, den Beitrag eines mir bisher unbekannten Mannes namens Allen Levy, der im Jahre 1950 als Kind in Brooklyn im Restaurant seiner Großmutter beobachtete, wie ein Gast mit dem Essen auf einmal aufhörte, sich eine Serviette in den Mund stopfte und, die Fäuste gegen den Kopf gepreßt, zu heulen anfing, dann auf den Tisch trommelte und schrie, was man freilich kaum hörte. Levy rannte in die Küche, wo ihn seine Großmutter beruhigte: der Mann war in einem deutschen Konzentrationslager gewesen, wo er seine ganze Familie hatte sterben sehen. Jetzt, wenn er das Herannahen der Erinnerung spürte, stopfte er sich, um die Schreie zu dämpfen, eine Serviette in den Mund.

Dieses bedeutende Zeugnis eines Kindes, das einem Zeugen die Stimme leiht, dessen eigene Aussage in dem Schrei bestand, den er immer unterdrückte – eine Art Evidenz, die in Geschichtsbüchern fehlt –, ist für mich so wertvoll, weil es genau zeigt, wie wenig oder wie viel an Grauen ich für darstellbar halte. Levys Zeugenaussage belegt ein für allemal die unversöhnliche Feindschaft zwischen so extremem Leiden und seiner Artikulation; Leiden kann sich nicht selbst vermitteln, braucht das Medium eines andern. Wenn sich nun einer, wie das ja im Film geschieht, zumutet, die Massenvernichtung von Menschen durch die deutschen Faschisten darzustellen, so müßte, dachte ich, seine Darstellung den „Schrei“ dämpfen. Nur so könnte Ästhetisierung, die Unerträglichkeit einer miserablen oder geglückten künstlerischen Darstellung, Abstumpfung, Gewöhnung und so weiter vermieden, die Darstellung authentisch werden. Es muß spürbar sein, daß man sich schämt, etwas zu spielen, wozu man eigentlich gar nicht die Kraft haben dürfte. Also die kompulsive Unterdrückung des Schreis beglaubigt ihn und macht seine Quelle hörbarer, da er näher bei uns ist, denn Brooklyn ist überall näher als Auschwitz. Jedenfallls erst die Lektüre ~~~ Artikel und die Kommertare von Freunden überredeten mich, mir „Holocaust inzwischen schätzungsweise 120 Millionen Amerikaner im Fernsehen gesehen hatten, nachträglich bei einem Freund anzusehen, der es (ohne die vulgären Werbespots von etwa zwei Stunden Gesamtlänge) auf Videokassette aufgezeichnet hatte.

Der Film besteht aus vier Teilen, die an aufeinanderfolgenden Abenden, jeweils etwa zweieinhalb Stunden lang, ausgestrahlt wurden. Erste Szene: Sommerhochzeit im weitläufigen Garten eines Hotels, Berlin 1935. Lachen, Gesprächsfetzen, die Kamera bewegt sich rückwärts und erfaßt langsam Garten und Haus. Nichts Besonderes ereignet sich. Ein Onkel des Bräutigams ist aus Warschau zu Besuch gekommen und heißt Moses Weiß. Bei Erwähnung dieses Namens Großaufnahme eines der Hochzeitsgäste, der die Augenbrauen zusammenzieht.

Mit ähnlich einfachen Mitteln wird in den folgenden Szenen gearbeitet: In Dr. Weiß’ Sprechzimmer erfährt das junge Ehepaar Dorf, daß Frau Dorf einen kleinen Herzfehler hat und aufpassen muß. Später: beide, Eric und Marta Dorf auf einer Parkbank in Berlin. Als Sohn eines Bäckers hat Eric Jura studiert und ist jetzt Rechtsanwalt, aber arbeitslos, und so weiter.