Die schon von Sigmund Freud verharmloste Droge zeigt immer schlimmere Wirkungen

Von Margrit Gerste

Man möchte meinen, der Mann übertreibt. Als Kommissar Mellenthin vom Stuttgarter Landeskriminalamt Ende letzten Jahres bei drei südamerikanischen "Geschäftsleuten" fünf Kilo Kokain beschlagnahmte, kommentierte er seinen großen Fang mit den Worten: "Auf Europa rollt eine ungeheure Kokainwelle zu."

Das Bundeskriminalamt gibt ihm recht, doch der Kommissar treibt seinen Pessimismus noch weiter: "Die Welle ist nicht zu stoppen, allenfalls zu stören, denn in dieses Geschäft ist schon zuviel Geld investiert worden."

Das kann man wohl sagen. Jene fünf Kilo reinen Kokains, die die Herren aus Bolivien und Peru in ihrem Reisegepäck trugen, waren vier Millionen Mark wert. Und weil der Stoff so hochwertig war, hätte er noch auf das Vier- bis Fünffache gestreckt werden können: 15 bis 20 Millionen Mark wären den Gangstern sicher gewesen – ein immenser Gewinn; denn dort, wo der Kokastrauch, aus dem Kokain gewonnen wird, wächst, in Bolivien, Peru und Kolumbien, kostet das Kilo lächerliche 2000 bis 5000 Dollar.

Das Geschäft lohnt sich also und treibt auch bei uns die ersten Blüten. In der Berliner Drogenszene gilt Kokain als "Senkrechtstarter", die Zollfahndung hat Hinweise aus dem internationalen Rauschgifthandel, daß Berlin zum neuen Absatzmarkt werden soll – "seit Mitte vorigen Jahres wird darüber gemunkelt". Doch während die verheerenden Folgen des Heroins mittlerweile sichtbar sind – 84 Tote 1977 allein in Berlin –, gilt Kokain als harmlose Droge, als eine "saubere Sache". Der lockere Spruch geht um: "Morphium und Kokain sind Gottes beste Medizin."

Doch die ersten warnenden Stimmen, die sich jetzt bei uns leise, in Amerika aber, wo die Droge längst eingeführt ist, schon vernehmlicher erheben, werden in den Wind geschlagen, prallen ab an dem positiven Image, das Kokain umgibt. Es gilt als der "Champagner" unter den Rauschgiften, als das "jüngste Nirwana für 2000 Dollar pro Unze" (ungefähr 28 Gramm). Ein Hauch von sündhaftem Luxus umweht die Droge, sie ist Statussymbol nach dem Motto: Es war schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben. Rockmusiker besingen das Kokain mit lasziver Stimme, in Filmen – zum Beispiel im "Easy Rider" – wird es verherrlicht, und ganz unverhohlen wird in amerikanischen Underground-Blättern für schickes Zubehör zur Sucht geworben, für goldene Rasierklingen und Döschen mit eingebautem Schnupflöffel.