Von Jean Améry

Es scheint, daß wir ihn nicht mehr loswerden sollen, den „widrigen Gegenstand“, wie Golo Mann einmal das Thema Hitler genannt hat. Wie könnte es auch anders sein? Das Monstrum hat ja tatsächlich die Welt geformt, in der wir leben, durchaus als „subjektiver Faktor“ übrigens, und man muß unbedingt dem Autor des Buches

Sebastian Haffner: „Anmerkungen zu Hitler“; Kindler Verlag, München 1978; 204 S. 14,80 DM

zustimmen, wenn er darauf beharrt, daß da ein Mensch-Unmensch am Werke war, daß er Geschichte gemacht hat und daß alle Versuche objektiv-soziologischer Erklärung angesichts des schauerlichen Phänomens kläglich versagen. Übrigens versagt der Verfasser auch selber: nicht aus Mangel an Einsicht, Durchblick, Sachkenntnis, sondern weil die Erscheinung Hitlers unlösbare Rätsel birgt, und nicht nur für den Betroffenen, der ich bin.

Haffner hat keine voluminöse historische Studie vorgelegt, wie Bullock oder Fest. Er begnügt sich mit Anmerkungen, rapid und mitnehmend geschriebenen, gescheiten und, wie ich meine, da und dort auch irrigen, plastisch formulierten und anderen, die eine merkwürdige Unsicherheit zeigen. Er gliedert seine Arbeit in sieben kurze Kapitel, überschrieben: „Leben“, „Leistungen“, „Erfolge“, „Irrtümer“, „Fehler“, „Verbrechen“, „Verrat“.

Das Hauptstück „Leistungen“ las ich, flüchtig, im Vorabdruck, und ich gestehe, daß ich einigermaßen schockiert war, liegt doch über dem Begriff der „Leistung“, den Haffner als einen moralisch neutralen will, in der Sprachüblichkeit ein positiver Wertakzent. Hier verfängt der Verfasser sich in einem Widerspruch. Wenn er nämlich von den „Leistungen“ spricht, den sachlich unbestreitbaren, wird dieser positive Wertakzent sichtbar. „Im Januar 1933 (..) gab es in Deutschland sechs Millionen Arbeitlose. Drei kurze Jahre später herrschte Vollbeschäftigung...“ Stimmt. „Was (..) die Abschaffung von Standesprivilegien und (..) Klassenschranken betraf, waren die Nationalsozialisten sogar ganz, ausdrücklich dafür...“ Stimmt wieder. „Praktisch dampfte der Zug zum Körper- und Sexkult, der in den zwanziger Jahren abgefahren war, in den dreißigern und Vierzigern ungebremst, weiter...“ Ist nochmals wahr.

Ob man darüber so sachlich sprechen soll, gerade jetzt, wo braune Bataillone, wie winzig auch immer, sich neu formieren, ist eine andere Frage. Ich bin mir noch nicht schlüssig: und behalte mir vor, noch darauf zurückzukommen. Die im Kapitel „Leistungen“ angetönten sozialen Probleme, nämlich: ob das Leben in Hitlerdeutschland für alle nicht direkt politisch oder rassisch Bedrohten dem in der heutigen DDR gleicht, „wie ein Ei dem anderen“; ob, wie es in einem anderen Abschnitt dargelegt wird, der Nationalsozialismus eher „linke“ als „rechte“ Züge trug, muß ich zu meinem Leidwesen gleichfalls dahinstellen. Zumal mir täglich klarer wird, daß unter den aktuellen Umständen die Begriffe rechts und links völlig neu definiert werden müssen.