Doch noch immer ist der Dialog zwischen Forschern und Öffentlichkeit schwer zu führen / Von Reimar Lüst

Forsche der Philosoph, der Weltmann handle! Doch weh uns: handelt der Forscher und gibt, der es vollzieht, das Gesetz!

Johann Wolfgang von Goethe

Klarer als Goethe hat keiner ausgedrückt, wie über Jahrhunderte das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit beschaffen war: Der Philosoph – das war zu Zeiten Goethes der Wissenschaftler – hat zu forschen und sich im übrigen dem Handeln, der Praxis, der Politik zu enthalten; dem Politiker – Goethe nennt ihn bezeichnenderweise im Gegensatz zum Philosophen den Weltmann, also denjenigen, der mit beiden Beinen in der Welt steht – bleibt das Feld der Praxis mit seinem Handeln reserviert. Als einzige, wenn auch nicht hoch genug zu veranschlagende Einschränkung, für ihn bleibt die Foderung nach Teilung der Gewalten; „Weh uns: gibt, der es vollzieht, das Gesetz“.

Die in diesem Spruch zum Ausdruck kommende strikte Trennung zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Wissenschaft und Politik hat ursprünglich ganz wesentlich das Verhältnis zwischen denen, die forschen und denen, die im Staat handeln – vor allem in unserem Land – gekennzeichnet. Von Kommunikation zwischen ihnen ist nicht die Rede. Sie erschien damals und auch in der Folgezeit nicht notwendig. Denn die praktischen Folgen der Ergebnisse der Forschung, die mit Ende des 19, Jahrhunderts zu großen, unser Leben verändernden technischen Entwicklungen führten, wurden von den Menschen überwiegend als ein Fortschritt angesehen. Somit war auch der Weltmann gegenüber dem Phänomen technischer Fortschritt in einer angenehmen Position, da aus diesem fast immer nur Gutes Für die Gesamtheit sich zu ergeben schien. Die Notwendigkeit zur Kommunikation mit den Wissenschaftlern stellte sich weder für ihn noch für den Wissenschaftler.

Inzwischen wissen wir, daß nicht jede wissenschaftliche Entdeckung, die zu einem technischen Fortschritt genutzt wird, zu einer positiven Veränderung für die Menschen führt. Dies ist auch schon früher so gewesen, aber erst die Entdeckung der Atomenergie hat uns unmittelbar vor Augen geführt, welche Kräfte die Forscher freizusetzen vermögen; Kräfte, die zum Nutzen oder zum Untergang der Menschheit führen können.

Jetzt wissen die Einsichtigen, daß es der Kommunikation zwischen Politikern und Wissenschaftlern und noch umfassender zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft bedarf. Das ist nicht leicht. Warum?