Die EG nutzt Fehler der Sowjetunion in afrikanischen Ländern

Während sich der Westen, nicht erst seit der Rebellen-Invasion in der zairischen Provinz Shaba, zunehmend über den wachsenden sowjetisch-kubanischen Einfluß in Afrika beunruhigt, haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft in aller Stille die Lücken gefüllt, die die Sowjets bei ihrem Abzug aus Somalia hinterließen. Für Claude Cheysson, EG-Kommissar in Sachen Entwicklungspolitik, hat die Hilfsaktion trotz des finanziell bescheidenen Umfangs von 43 Millionen Mark durchaus etwas Spektakuläres.

Das ist nicht übertrieben. Denn zum erstenmal haben die Regierungen der EG-Länder rasch, fast unbürokratisch praktiziert, worüber die verantwortlichen Minister zweimal jährlich ohne Absicht auf Fortschritte diskutieren: die Koordinierung der nationalen Entwicklungspolitik der Mitgliedstaaten. Darüber hinaus haben die sowjetischen Hinterlassenschaften in Somalia den Europäern drastisch bestätigt, was Sie nach Erfahrungen in anderen afrikanischen Staaten, die mit der EG über das Lomé-Abkommen verbunden sind, ohnehin längst glaubten: „Die Sowjetunion“, so Claude Cheysson, „ist kein geeigneter Partner für die Dritte Welt. Sie ist schnell mit Waffen, aber nur langsam mit Hilfeleistungen zur Stelle.“

Als Somalia den Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion von 1974 am 13. November des vergangenen Jahres kündigte, zog Moskau sofort jede Unterstützung zurück. Ebenso wie die übrigen osteuropäischen Länder und Kuba. Durch diesen Bruch verloren etwa 150 somalische Studenten ihre Stipendien, mußten Somalische Gastdozenten ihre Plätze an Ostblockhochschulen räumen. Insgesamt dreizehn Entwicklungsprojekte lagen brach, weil die sowjetischen und die osteuropäischen Experten über Nacht die Heimreise angetreten hatten. Unter den aufgegebenen Projekten waren eine Fleischfabrik und eine Anlage zur Fischverarbeitung; beide sollten den sowjetischen Markt beliefern. „Daß diese Projekte schlecht gingen, kann man nicht behaupten“, sagt Cheysson, „dafür waren sie noch Zu sehr im Anfangsstadium.“ Nur über die große Zahl sowjetischer Projektberater habe man sich gewundert. „Was die alle da gemacht haben, war beim besten Willen nicht herauszufinden.“

Daß die EG so rasch auf die Anfrage der somalischen Regierung reagierte und nach einer halbjährigen Prüfung praktisch alle Stipendien ersetzt, neue Experten entsendet und alle Projekte bis auf eines übernahm, hat nicht nur mit dem Geiseldrama von Mogadischu zu tun. Anders als die Sowjetunion, die nach Cheyssons Worten „noch kein einziges Beispiel für ein gelungenes Entwicklungsprojekt in Afrika aufweisen kann“, hatte die EG die Zusammenarbeit mit Somalia auch während der Zeit des Flirts mit dem Ostblock ohne Einschränkungen fortgesetzt.

Daß diese an den Bedürfnissen der Entwicklungsländer orientierte Haltung der westeuropäischen Länder langfristig Zinsen trägt, zeigt nicht nur der Fall Somalia. In Brüssel War kürzlich zum erstenmal eine offizielle Regierungs-Delegation aus Mozambique zu Besuch. Die Gäste aus dem erst kurze Zeit unabhängigen Land, das politisch-ideologisch zum Ostblock tendiert, wollten sich aus erster Hand über die von der EG allen afrikanischen Staaten angebotene Zusammenarbeit im Rahmen des Abkommens von Lomé informieren. Und obwohl man sich in Brüssel davor hütet, über die künftigen Beziehungen zu Mozambique zu spekulieren, mißt man dem Besuch Bedeutung bei.

Aus den Berichten, die Brüsseler Entwicklungsexperten von ihren Reisen in afrikanische Staaten mitbringen, ergibt sich viel eher, daß den Sowjets dort, wo sie in Afrika mit ihren Waffen oder kubanischen Hilfstruppen Fuß gefaßt haben, schon bald das Image vom „häßlichen Russen“ anhaftet. So lieferten sie beispielsweise an Guinea-Bissau zwei alte, seeuntüchtige Fischerboote, während sie selbst mit modernsten Trawlern in den Hoheitsgewässern der Guinesen herumkreuzten. Diese wurden mißtrauisch, wandten sich schließlich an die EG mit der Bitte um Kontrollboote, um den Sowjets besser auf die Finger schauen zu können. Nun wollen sie das Fischereiabkommen mit Moskau revidieren.