Der 17. Juni: Ein umstrittenes Symbol

Von Karl-Heinz Janßen

Wenn es nach dem Willen des Bundeskanzlers ginge, feierten wir am kommenden Samstag zum letztenmal den „Tag der deutschen Einheit“. Ein 25 Jahre währender Streit um einen von Anfang an umstrittenen Nationalfeiertag wäre beigelegt, auf elegante Weise zumal, denn den Bundesbürgern soll ihr freier Tag erhalten bleiben – er würde auf den „Verfassungstag“ im Mai vorverlegt.

Doch nationale Symbole lassen sich nicht einfach wechseln wie Moden. Der 17. Juni 1953 ist ein Tag der Weltgeschichte: Die Arbeiter in der DDR erhoben sich gegen ein Regime der Ausbeutung und Unterdrückung, ein einzigartiger Vorgang in den Annalen des Weltkommunismus, die erste Revolution der Massen gegen einen „Arbeiter- und Bauernstaat“, drei Jahre vor den Posener Streiks und dem ungarischen Aufstand. Die Abschaffung dieses Feiertags wäre ein Politikum ersten Ranges. Wäre sie nicht auch ein Verzicht auf die Einheit der Nation? Wir alle müßten uns dann hart und unausweichlich fragen, ob wir noch eine Nation sind und sein wollen.

Fiele die Antwort bejahend aus, so bliebe erst noch zu prüfen, ob an die Einheit der Nation unbedingt am 17. Juni gemahnt werden muß oder ob nicht die Verkündung des Grundgesetzes, in dessen Präambel nationale und staatliche Einheit beschworen und der Alleinvertretungsanspruch für alle Deutschen festgeschrieben wurde, dafür nicht der bessere Anlaß wäre. Es sind immer die gleichen Einwände, die gegen den Nationalfeiertag erhoben werden: er beruhe auf einem historischen Mißverständnis; er habe sich überlebt; er werde von den Bürgern entwürdigt und seines Sinnes entleert; er passe nicht mehr in die politische Landschaft; und – dieses Argument hat jetzt der Kanzler beigesteuert – man könne „eine Niederlage des Freiheitswillens“ nicht auch noch feiern.

Als die Idee des Feiertages geboren wurde, im Überschwang nationaler Gefühle, meinten sowohl die Politiker in Bonn als auch die Demonstranten in Ostberlin, Magdeburg und Leipzig, jetzt sei das Tor zur Wiedervereinigung weit aufgestoßen: die Sowjetunion, die ein ungeliebtes Regime nur noch mit Panzern vor dem Volkszorn bewahren konnte, werde ihre „Zone“ freigeben. In Wirklichkeit hat die Niederschlagung des Aufstands die verunsicherte, von den Nachfolgern Stalins bereits zur Disposition gestellte Herrschaft des „Spitzbarts“ Walter Ulbricht stabilisiert. Die Deutschen in der DDR mußten, tief enttäuscht, erkennen, daß die Westmächte aus Furcht vor einem dritten Weltkrieg nicht bereit waren, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie waren auf sich allein gestellt, mußten sich wohl oder übel mit dem Sowjetkommunismus arrangieren.

Das historische Mißverständnis wurde nach wenigen Jahren offenbar, doch der Feiertag diente vielen Politikern und Publizisten, weiterhin Hoffnungen über die Wiedervereinigung am Leben zu halten. Macht das Tor auf, forderten sie, als man noch zu Fuß durch das Brandenburger Tor spazieren konnte. Der Katzenjammer setzte am 13. August 1961 ein, nach dem Bau der Mauer. Von diesem Datum führt ein gerader Weg zu den Ostverträgen. Die wortreichen Deklamationen zum „Tag der Einheit“ klingen seitdem fad. 1972 wußten schon 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung dem Feiertag keinen Sinn mehr abzugewinnen. Experten schätzen, daß heute mehr als die Hälfte der jungen Generationzwischen 19 und 28 Jahren die DDR und die Bundesrepublik nicht nur als zwei Staaten, sondern auch als zwei Nationen ansieht.