Von Jürgen Werner

Optimisten sprechen von einer neuen Blütezeit des italienischen Fußballs, Pessimisten beklagen das Fehlen jeder Spielerpersönlichkeit, Helmut Schön, Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, huldigt dem Prinzip Hoffnung.

Alle meinen die XI. Fußballweltmeisterschaft in Argentinien und bringen damit die Vielfalt der Meinungen zum Ausdruck, die nach Abschluß der 1. Finalrunde in die Prognose für das Finale (Italien gegen Argentinien) am 25. Juni in Buenos Aires einmünden. Ein Zwischenfazit des Fußballsports also, dessen Faszination nicht zuletzt darauf beruht, daß Millionen von Fans nie die Abseitsregel definieren könnten, aber dennoch alles vom Fußball verstehen.

Die nüchterne Arbeitsatmosphäre der sportlichen Alltagswirklichkeit, sprich; Gruppenspiele der 1. Finalrunde, hat dabei allerdings deutlich gemacht, daß bisher Kampf und Krampf statt Kunst im Vordergrund standen. Die Belege sind Legion: Weniger die Ergebnisse der deutschen Mannschaft als der Verlauf der Spiele gegen Polen und Tunesien (jeweils 0:0) zeigten ein wesentliches Symptom erfolg- und einfallslosen Fußballspiels: die Bewegung der Spieler ohne Ball – in der Fußballfibel auf Seite eins – fand gar nicht statt.

Die Folge war der häufige Ballverlust des ballführenden Spielers an den Gegner oder ein Zuspiel, das zu spät, zu weit oder beides zugleich erfolgte. Der zweite Grund liegt in der augenblicklichen Schwäche der deutschen Spieler, sich in 90 Minuten, d. h. über die gesamte Spieldauer gegen ihre Gegenspieler durchzusetzen, Fehlende physische und psychische Stärke bilden die Gründe dafür.

Rainer Bonhof und Klaus Fischer, Manfred Kaitz und Heinz Hohe spielen zwar mit, bestimmen das Spiel aber nicht. Sie laufen selbst viel, statt den Ball laufen zu lassen – von lenken keine Spur. Ähnlich spielten die Holländer und die Polen, immerhin also die ersten drei Mannschaften der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik.

Enzo Bearzot, der Trainer der erfolgreichen italienischen Fußballnationalmannschaft, antwortete auf die Frage nach den Gründen solcher Spielweise fairerweise mit einem Vergleich aus dem Jahre 1974. Damals habe seine eigene Mannschaft zu viele Grüppchen aus den verschiedenen Vereinen in sich vereinigt, die damaligen Stars Rivera und Riva seien zu satt, saturiert und selbstzufrieden gewesen. Diesmal – so sein Resümee nach der Vorrunde – gilt das Ensemble alles, der einzelne wenig, der Egoismus gar nichts,