Von Michael Hereth

In unseren Tagen spielt sich, ohne daß man sich dessen bewußt wird, etwas Unermeßlicheres und Außerordentlicheres ab, als die Errichtung des römischen Imperiums: die Unterwerfung der vier Teile der Welt unter den fünften. Reden wir also nicht schlecht von unserem Jahrhundert und von uns selbst. Die Menschen sind zwar klein, aber die Ereignisse sind groß.“ Mit diesen Worten an Henry Reeve feierte Alexis de Tocqueville 1840 den Beginn einer Phase europäischer Eroberung der Welt, die unter dem Namen „Zeitalter des Imperialismus“ bis auf den heutigen Tag eine der umstrittensten Perioden europäischer Außenpolitik geblieben ist.

Über eines allerdings herrscht in den Sozialwissenschaften und in der sozial wissenschaftlich orientierten Geschichtsschreibung scheinbar Übereinstimmung: Die Ursache dieses Außer-sich-Geratens der europäischen Nationen liege in ihrer kapitalistischen Wirtschaftsordnung begründet, die die europäischen Nationalstaaten über ihre Grenzen hinaustrieb. Dieser geradezu selbstverständliche Topos über die Ursachen des Imperialismus ist Gegenstand der kritischen Analyse von

Peter Hampe: „Die ökonomische Imperialismustheorie“; C. H. Beck-Verlag, München; 400 S., 98,– DM.

Die Väter (und die Mutter) der ökonomischen Theorie des Imperialismus – Hobson, Hilferding, Lenin und Rosa Luxemburg – haben in ihren ökonomischen Analysen und Untersuchungen aufgezeigt, daß der Kapitalismus notwendigerweise zur Monopolisierung dränge und daß diese wiederum die Nationalstaaten – um der Aufrechterhaltung der Wirtschaftsordnung willen – zu einer Ausweitung ihres Herrschafts- und Einflußbereiches zum Zwecke des Warenund/oder Kapitalexportes zwinge.

Hampe hat da größte Bedenken. Einmal zeigt er, daß etwa bei Rosa Luxemburg die ökonomische Theorie des Imperialismus damit begründet wird, ohne sie sei die „wissenschaftliche“ These vom Zusammenbruch des Kapitalismus nicht zu halten – das Ziel der Untersuchung steht also vor ihrem Beginn fest. Zum anderen aber weist er darauf hin, daß neuere historische Forschung ebenso wie die Erkenntnisse der modernen Nationalökonomie die von den geistigen Urhebern der ökonomischen Imperialismustheorie behauptete Ursächlichkeit zumindest relativieren. ökonomisch läßt sich die Theorie nicht halten: Imperialismus ist weder eine notwendige Folge kapitalistischer Wirtschaftsordnung noch ein unvermeidlichen Ausweg der Regierenden aus konjunkturellen oder strukturellen Krisen der Wirtschaft. Am Beispiel Großbritanniens und Deutschlands wird durch detaillierte Auswertung statistischen Materials die unterschiedliche und nie notwendig zu imperialistischer Politik drängende Wirtschaftslage dargestellt und aufgezeigt, daß die imperiale Politik in keinem Fall die einzige Möglichkeit war, die ökonomische Situation im Inneren zu stabilisieren. Zwar hat die Politik des Imperialismus Beiträge zur wirtschaftlichen Stabilisierung geleistet – aber erstens waren diese nie so bedeutungsvoll, daß sie die ökonomische Imperialismustheorie beweisen würden; zweitens waren die ökonomischen Zusammenhänge den politisch Handelnden auch gar nicht so bewußt, daß sie zur Erklärung ihrer Handlungsmotive herangezogen werden dürften.