Das Tarifchaos zwingt die Fluggesellschaften zur Reform des Preiskartells

Von Heinz Michaels

Die amerikanische Fluggesellschaft PanAm brauchte nur wenige Stunden zu warten, dann hatte sie die Erlaubnis des Civil Aeronautics Board (CAB), der Zivilluftfahrtbehörde der USA, daß sie ihre Passagiere für 99 Dollar (rund 206 Mark) von Boston nach Amsterdam fliegen darf – als „Einführungspreis“ auf der neuen Route. Später, vom 15. Juli an, soll der Flug 155 Dollar (rund 322 Mark) kosten.

Auch das ist immer noch weniger, als der billigste Lufthansa-Flug über den Nordatlantik kostet, den diese – allerdings für Hin- und Rückflug – mit 887 Mark (rund 427 Dollar) berechnet. Und es ist bedeutend weniger als der „Normaltarif“, der mit 383 Dollar (rund 997 Mark) in der Preisliste steht. Doch nicht einmal jeder vierte Passagier, der heute über den großen Teich fliegt, zahlt diesen „normalen“ Preis, der einst noch innerhalb der International Air Transport Association, kurz IATA, ausgehandelt worden war.

„Die IATA-Tarife sind zu hoch“, sagt Alfred E. Kahn, seit gut einem Jahr Chef des CAB, „weil sie für alle gelten, auch für die unwirtschaftlichste Fluggesellschaft.“ Damit klingt schon an, warum Kahn sich so beeilte und den Discounttarif der PanAm demonstrativ zwei Wochen vor Beginn des außerordentlichen IATA-Treffens am 30. Juni in Montreal genehmigte, auf dem die Mitglieder den Versuch unternehmen wollen, von der IATA zu retten, was noch zu retten ist.

„Wenn ich nur wüßte, welche Luftfahrtpolitik Herr Kahn verfolgt“, fragte sich Herbert Culmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa, noch vor Monatsfrist verzweifelt, bevor er eilends die Bilanz-Pressekonferenz seines Unternehmens verließ, um nach Genf zu fliegen, wo das Exekutivkomitee der IATA tagte, um neue Statuten für das Luftfahrtkartell zu beraten.

Über drei Jahrzehnte hat die amerikanische Regierung – sonst jedem Kartell abhold und durch eine strenge Anti-Trust-Gesetzgebung in die Pflicht genommen – bei der IATA beide Augen zugedrückt und die von der Vereinigung festgelegten Flugpreise genehmigt. Als Alibi dafür, daß es trotzdem einen Wettbewerb gebe, konnte sie immer darauf verweisen, daß beispielsweise die isländische Fluggesellschaft Loftleidir zu niedrigeren Tarifen als die IATA-Fluggesellschaften fliegt.