Lieber Adam Krzemiński,

von der ZEIT-Redaktion eingeladen, zu Ihrem offenen Brief Stellung zu nehmen, möchte ich Ihnen zunächst danken für die Veröffentlichung unserer Gespräche, die wir vier in Hamburg und in Bonn führten. Unnötig zu sagen, wie gespannt ich darauf war, Ihre gesammelten Erfahrungen in der Bundesrepublik kennenzulernen, die allgemeine Bilanz Ihrer Erkundungen eines Landes, das ja vornehmlich denen als „Rätsel“ erscheint, die in risikoloser Ferne über es urteilen.

Besorgt äußern Sie sich über die Folgen der Normalisierung in den deutsch-polnischen Beziehungen; Sie dürfen sicher sein, daß ich diese Besorgnis verstehe, für die Sie, als Begründung, die Metapher von der „dünneren Luft“ gefunden haben. Was Sie befürchten, ist anscheinend dies: daß nach geglückter Normalisierung die Beziehungen unserer Länder unter Anämie leiden könnten, daß das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen zur Ruhe kommt in einem Zustand gelassener, ganz alltäglicher Nachbarschaft.

So betrüblich es auch sein mag: gehören Folgen dieser Art nicht aber auch zur „Normalisierung“? Mußten nicht wir alle, denen an einer Normalisierung zutiefst gelegen war, darauf gefaßt sein, daß eines Tages die extreme Aufmerksamkeit füreinander nachläßt, daß die traditionelle Hochspannung sich verringert, daß durch Erfahrung legitimierte Überreaktionen ausbleiben? Normalisierung: läuft sie nicht immer auf gemäßigte Temperaturen hinaus, auf niederen Blutdruck, mitunter sogar, auch wenn wir es beklagen, auf achselzuckende Gleichmütigkeit, die in diesem Fall nur ein Resultat des Selbstverständlichen ist? Und müssen wir uns nicht damit abfinden, daß wir gerade dem so erwünschten Selbstverständlichen zeitweise unser Interesse entziehen?

Ich weiß, zu lange hat es zwischen unseren Ländern keine offiziellen Beziehungen gegeben, und das heißt: die erheblichen inoffiziellen Beziehungen bestimmten das Bild, das wir voneinander hatten, regierten oft genug in unsere Handlungen hinein. Seit Dezember 1970, also seit dem Abschluß der Verträge, ist viel geschehen – zahlreiche Gespräche in Ihrem Land haben es mir bestätigt, oft genug hörte ich das Wort Annäherung, und oft genug staunte ich darüber, wieviel in unserem Verhältnis zur Selbstverständlichkeit werden konnte im Laufe von sieben Jahren. Gewiß, meine Generation wird wohl immer bereit sein, zuzugeben, daß Polen und Deutsche durch besondere Beziehungen verbunden sind, doch sollte das notgedrungen auch für die junge Generation zutreffen, die Sie so skeptisch zitieren? Sollte sie nicht das Recht haben, die Normalisierung auf ihre Weise zu bestätigen, indem sie sich die Freiheit nimmt, den Problemen ihre Aufmerksamkeit zu schenken, die sie als die eigenen ansieht?

Ich persönlich muß mir eingestehen, daß ich, auch wenn es aus Ihrer Sicht kein wünschenswerter Zustand ist, unter Normalisierung schließlich auch dies verstehe: eine bekömmliche Spannungslosigkeit, eine natürlich schwankende Aufmerksamkeit und nicht zuletzt ein unverpflichtetes Interesse. Wenn wir heute schon dazu verurteilt sind, überall auf der Welt mit ungelösten Problemen, mit Provisorien zu leben, so sollten wir auch bereit sein, die unwillkürlichen Folgen einer von uns allen erstrebten Normalisierung in Kauf zu nehmen – falls eben sie der Preis einer Normalisierung sind.

Nicht weniger enttäuscht als Sie bin ich über das mangelhafte Interesse, das die polnische Literatur in der Bundesrepublik gefunden hat. Sicher, seit Anfang der fünfziger Jahre erschienen zahlreiche Titel polnischer Autoren bei uns, doch die Aufmerksamkeit, die sie erhielten, war gering – abgesehen vielleicht von Jerzy Andrzewski und Marek Hlasko, von Slawomir Mrozek und Witold Gombrowicz. Hier kann ich mich nicht mit dem Trostargument zufrieden geben, daß ja auch, zum Beispiel, die lateinamerikanische Literatur bei uns nicht die Beachtung findet, die sie verdient. Was polnische Literatur uns – zumindest in den ersten Jahren – anbot, das war ein Spiegel der Leiden, die Deutsche über. Ihr Land gebracht hatten; wozu diese Literatur still aufforderte, war nicht weniger als dies: sich entsetzen zu lassen. Wieviel Bereitschaft indes undwelch ein Mut dazu gehören – ich brauche es Ihnen nicht zu sagen. Und vermutlich war es dies, was den deutschen Leser anfangs dazu bewog, der polnischen Literatur auszuweichen: nach dem Friedensschluß mit seiner Erinnerung wollte er nicht von neuem auf die Probe gestellt werden.