Von Petra Kipphoff

Selbstportraits von Künstlern haben für den Betrachter immer den doppelten Reiz: Zum einen hat er das Kunstwerk vor Augen, zum anderen eine Information über den, der es gemacht hat. Es ist eine Information, die weniger objektiv, aber reizvoller ist als eine Biographie, Berichte von Zeitgenossen oder die seit Mitte des 19. Jahrhunderts hinzugekommene Photographie.

Auf dem Selbstbildnis, in dem Dürer sich, selbstbewußt bis zur Koketterie und Profanie, in Christus-Pose gibt (1500), auf dem Selbstbildnis, auf dem Victor Emil Janssen sich mit eingefallenem entblößtem Oberkörper als ein vom Tod gezeichneter preisgibt (1828), und auf dem Selbstbildnis, auf dem Max Beckmann sich im Smoking, mit Zigarette, scheinbar kühl und doch in aller Verletzbarkeit dem Betrachter konfrontiert (1927): auf diesen Darstellungen (das Bild von Janssen ist im Hamburg ausgestellt, Dürer und Beckmann sind im Katalog abgebildet) erkennen wir eine Physiognomie, aber auch ein Psychogramm. Und das Psychogramm ist wiederum ein doppeltes: Es beschreibt den Künstler, wie er ist; und den Künstler, wie er sein möchte. Das schmale, lockengerahmte Gesicht von Dürer und den kantigen, kahlen Schädel von Beckmann erkennt man in jedem der Selbstprotraits dieser Künstler sofort wieder. Aber Attitüden, und Posen, Verkleidungen und Verwandlungen wechseln.

Die von Siegmar Holsten im Kuppelsaal der Hamburger Kunsthalle arrangierte und von ihm in einem Katalog gründlich kommentierte Ausstellung heißt nicht "Künstler-Selbstbildnisse", sondern "Das Bild des Künstlers – Selbstdarstellungen". Damit ist der Hinweis gegeben auf das Moment der Inszenierung, das in jeder Selbstdarstellung liegt, egal welche Ziele sie verfolgt. Wenn der Künstler des Mittelalters sich, quasi als blinder Passagier, in die betende oder diskutierende Volksmenge eines Bildes einschleicht, dann ist dieser Akt der Camouflage ebensogut eine Inszenierung wie der Exhibitionismus, mit dem Rudolf Schwarzkogler sich bei Selbstverstümmelungsaktionen, die schließlich zum Tode führten, photographieren läßt. Emanzipation geglückt, Patient tot?

Daß die Geschichte der Emanzipation des Künstlers so gradlinig nicht verläuft und daß vielleicht gerade heute der Künstler dadurch, daß er sich dem Publikum scheinbar schrankenlos und schamlos preisgibt, in einem neuen Zustand der Isolation ist, das zeigt diese Ausstellung. Sie ist thematisch gegliedert in die Kapitel "Emanzipation und Selbstbehauptung", "Auge in Auge mit sich selbst", "Im Konflikt mit der Gesellschaft", "Im Bund mit anderen", "Neue Aspekte der Selbstdarstellung Innerhalb dieser Gliederung gibt es noch inhaltliche Bestimmungen (wie "Im Dienste von Kirchen und Fürsten", "Frau und Künstler", "In der Rolle des Märtyrers" und ähnliche mehr). Das ganze klingt voluminös, aber es handelt sich um eine eher zierliche Ausstellung, von den rund 130 gezeigten Arbeiten ist der größte Teil Graphik (und das meiste davon stammt wiederum aus den hervorragenden Beständen des Hamburger Kupferstichkabinetts). Aber gerade aus begrenztem Material läßt sich so viel Erkenntnis und Vergnügen gewinnen wie möglicherweise aus einer Starparade der Meisterwerke und Lieblingsbilder nicht, in der die Prominenz das Thema erschlägt.

Zum Beispiel der Abschnitt "Aug in Auge mit sich selbst". In der ersten Untergruppierung "Im Angesicht des Todes" meint man, Selbstbeschreibungen der Jahrhunderte, vor sich zu haben, wenn man die klare Metaphorik und christliche Programmatik im "Vanitasstilleben" (1660) von Adriaen Valck sieht, dann in Bonaventura Genellis Kupferstich "Auf der Anatomie" (1867) die Unsicherheit dessen, dem alte Glaubensgewißheiten sich zu Märchen und Mythen ästhetisiert haben, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Böcklin, Klinger, Ensor und Münch die Bedrohtheit derer, die sich in ihrer totalen ideellen Freiheit dem Todesgedanken gegenüber in totaler Schutzlosigkeit befinden, und schließlich die Gegenwart bei Arnulf Rainer oder Walter Pichler, die den Todesgedanken in masochistischem Exhibitionismus, in der ritualisierten Beschwörung kompensieren.

Oder in der Untergruppierung "Grimassenspiel" eine andere Erfahrung: Rembrandts Radierung "Selbstbildnis mit offenem Mund" (1630), der Künstler fratzenschneidend, neben Bruce Naumanns "Studien für Hologramme" (1970), fünf quadratische Serigraphien, auf denen das Gesicht mit den Händen gequetscht und verzerrt wird. Die Ewigkeit des Grimassenspiels (zu dem außer Künstlern nur noch Kinder Mut haben): wo sonst würde man Rembrandt neben Naumann sehen, den einen im anderen erkennen?