In der ZEITLUPE 20 wurde gefragt, ob es eine Solidarität zwischen Jugendlichen und Älteren in der Bundesrepublik gibt. In meinem Diskussionsbeitrag habe ich darauf hingewiesen, daß in unserer Konkurrenzgesellschaft mit ihren Mechanismen, Zwängen und Verdrängungsprozessen die Basis dafür immer geringer wird. Schon in der eigenen Generation finden wir kaum Solidarität, obgleich es doch hier sehr viel einfacher sein müßte. Aber welcher höhere Schüler setzt sich schon mit einem Hauptschüler zusammen; neulich sah ich, wie man einige Nichtstudenten aus einem Studentenlokal wies.

Zwischen den Generationen herrscht eine mehr oder minder große Hilflosigkeit, -besonders schlimm ist das Verhältnis der jungen Generation zur mittleren. Letztere schickt ja auch die alten Leute ins Altersheim, weil sie nicht mehr mit ihnen fertig wird. In einer so stark auf Konsum orientierten Gesellschaft finden die Alten, die Kinder oder die Jugendlichen – alle, die nicht so mitkönnen – nicht die Beachtung, die sie vom Standpunkt der Menschlichkeit haben müßten. Die Diskriminierung fängt schon sehr früh an. Mit über 35 ist man heute bei der Arbeitseinstellung kaum noch gefragt, obgleich man in diesem Alter doch erhebliche Erfahrungen besitzt. Menschen werden heute fast nur noch nach der Funktion gemessen, die sie ausüben; wer, keine nützliche Rolle mehr spielt, wird erbarmungslos ausgeschieden: Alte, Behinderte, Kranke, Dumme, Jeder will „in“ sein, denn wenn er „out“ ist, dann ist das für ihn schrecklich.

Diskriminierung bedeutet auch Einsamkeit und Nichtbeachtung. Sie sprechen davon, daß Sie in Deutschland noch nie so viele verbitterte Gesichter von alten Leuten, gesehen haben wie jetzt, Woran liegt das? Sind daran etwa die jungen Leute schuld? Ich glaube nicht. Tatsache ist eine Überalterung der Bevölkerung in der Bundesrepublik, Tatsache ist eine starke Kinder- und Jugendfeindlichkeit – auch und gerade der alten Menschen, das sollte man nicht übersehen, Parteien, Verbände und die Kirchen kümmern sich geradezu in rührender, wenn auch nicht ganz selbstloser Weise um alte Menschen, ihr Lebensabend ist in den allermeisten Fällen gesichert, alte Bettelweiblein gibt es nicht bei uns, jedoch in vielen anderen europäischen Ländern. Von allen Seiten bemüht man sich um die Rentner, denn sie entscheiden letztlich, wer an der Regierung ist oder bleibt.

Noch nie wurden so viele Altenpfleger ausgebildet. Die alten Leute werden doch immer hofiert, mehr als die jungen Leute. Ihnen wird von allen Seiten geschmeichelt. All das hat zur Fossilierung in der deutschen Politik geführt. Das Sicherheitsbedürfnis wurde groß herausgestellt zu Lasten einer fortschrittlichen und in die Zukunft offenen Politik. Umfrageergebnisse zeigen, daß alte Leute sich offenbar noch immer nach einer Monarchie zurücksehnen oder nach einem milden Diktator. Sie begreifen nicht, daß an den Schulen nicht mehr geprügelt werden darf; sie begreifen vieles nicht, Sie begreifen auch nicht, daß diese alte Generation immerhin einen Hitler hervorgebracht hat; das ist etwas, was man nicht vergessen sollte!

Unsere sogenannte mittlere Generation, gegen die sich die Kinder wenden, wurde im Untertanengeist unserer Großväter und Urgroßväter erzogen, im Chauvinismus, kleinkariert und mit Komplexen belastet. Auch diese Generation hat sich schuldig gemacht Offenbar hat sie trotz der Hitlerzeit ein gutes Gewissen, viel zu gut, um umzudenken, zur Einkehr zu kommen.

Ich halte es nicht für sinnvoll, auf der alten oder der jungen Generation herumzuhacken. Wahrscheinlich fehlt es an der gegenseitigen Toleranz. Ist es wirklich herzlos, wenn man sagt: Die ältere Generation wird eher sterben, deshalb finde ich es richtiger, sich um diejenigen zu kümmern, mehr zu kümmern, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben? Ich meine doch damit: Wir sollten zwar den alten Menschen helfen, wo wir ihnen helfen können. Aber sie sollen nicht erwarten, daß wir mit ihnen die Meinungen und Ideen teilen, wenn diese schlecht oder überholt sind. Wenn es ums Überleben geht, dann ist es realistisch, daß die Alten endlich lernen, auch einmal zurückzustecken, sich nicht mehr allzu wichtig zu nehmen. Ein alter Mensch braucht nicht beleidigt zu sein, wenn er nicht mehr in dem Maße wie früher geachtet wird. Im Alter steckt eine gewisse Tragik, das sollte man sehen, und das kann man auch nicht mit Humanitätsduselei überspielen. Die alten Leute müssen endlich ihre Situation begreifen lernen, sie sollten begreifen, daß sie bald sterben müssen und sollten nicht so viel Machtwillen bis ins hohe Alter hineintransportieren, das sie dann belastet. Natürlich könnte man etwas Nettes und Tröstliches sagen, aber wenn die Älteren ihre Situation besser begreifen lernen, könnten sie, falls sie noch die Kraft haben, selbst auch etwas auf die Beine stellen.

Die Probleme meiner Generation sind größer und bedrohlicher als die der alten Menschen in unserem Lande. Die junge Generation hat zwischen charakterlosem Anpassen oder Ausflippen kaum einen Mittelweg. Dreißig Prozent der Jugendlichen brechen früher oder später aus. Die Zahl der Suizide unter ihnen war noch nie so groß. Praktisch hat die Jugend von heute gar keine echten Zukunftsperspektiven. Man muß ja froh sein, wenn man einen Arbeitsplatz bekommt. Rosinen werden nicht mehr in den Kuchen gebacken, die Verzweiflung wird in Drogen und Alkoholismus erstickt – eine künstliche Welt wird da präsentiert, in die man flüchtet,