Streit zwischen Post und Wirtschaftsministerium um ein neues Nachrichtensystem

Von Hermann Bößenecker

Statt der ursprünglich auf den 1. Juli angesetzten Premiere gab es einen handfesten – nach gezielter Indiskretion – in aller Öffenlichkeit ausgetragenen Grundsatzstreit zweier Bundesministerien.

Zur Jahresmitte wollte die Deutsche Bundespost ihren „Telefax“-Dienst starten und damit ein neues Zeitalter der Telekommunikation einleiten. Fernkopiergeräte unterschiedlicher Fabrikate sollen nach diesem auch von den Verbänden und Herstellern abgesegneten internationalen Konzept voll „kompatibel“ über das öffentliche Telephonnetz miteinander korrespondieren. Bisher gab es nur anbieterorientierte „Insellösungen“; von dem Gerät eines Herstellers konnte nicht auf das Gerät eines anderen kopiert werden. Jetzt soll die Post ein herstellerneutrales Teilnehmerverzeichnis auflegen und die „Übertragungsgüte“ garantieren.

Doch die Deutsche Bundespost möchte mehr. Sie war sich zwar von Anfang an darüber im klaren, daß angesichts der Vielfalt der Anbieter und der bereits im praktischen Betrieb befindlichen Geräte für sie ein Monopol nicht mehr in Frage kommen kann. Aber sie will sich auch keineswegs damit zufrieden geben, nur die servicetechnische „Infrastruktur“ zur Verfügung zu stellen (und dafür eine Anschlußgebühr von monatlich voraussichtlich 40 bis 45 Mark zu kassieren.) „Wir wollen das Geschäft nicht allein machen, aber in Konkurrenz mit den privaten Firmen eigene Telekopierer anbieten – als einer unter 14 oder 15 Wettbewerbern“, umschreibt Post-Referent Jürgen Böhm den Standpunkt seines Hauses und seines Ministers Kurt Gscheidle. Als Modell dient der Post das Telephon-Nebenstellengeschäft. Auch hier werben Post und private Firmen um den Kunden. Aus „fernmeldebetrieblichen“ Gründen, so heißt es, will man das Geschäft nicht aus dem Haus geben.

Entscheidend ist aber gewiß das geschäftliche Moment. Die Post wittert hier gute Gewinne. Denn der „Brief über Telephon“ wird die Büroarbeit erneut revolutionieren. In Minutenschnelle können Unterlagen aller Art – Manuskripte, Konstruktionspläne, Skizzen, Dokumente, Satzkorrekturen und vieles mehr – originalgetreu auch über weiteste Entfernungen übertragen werden, und das an beliebig viele Partner.

Im Bundeswirtschaftsministerium widerspricht man jedoch der .Post: In einem Brief an das Bundespostministerium vom 6. April machte die Grundsatzabteilung von Graf Lambsdorff prinzipielle „Wettbewerbs- und ordnungspolitische Bedenken gegen die Ausdehnung der Eigentätigkeit der Deutschen Bundespost auf dem Fernkopierermarkt“ geldend.