Der internationale Jetset wird nun doch kein echtes Rindvieh in seinen illustren Reihen sehen. Die Brüsseler EG-Komission zieht nämlich entgegen anderslautenden Vermutungen nicht in Betracht, eine Kuh in der ersten Klasse von Melbourne nach Frankfurt fliegen zu lassen.

Mit einer entsprechenden Anfrage hatte sich Ende des vergangenen Jahres der sozialdemokratische Europa-Abgeordnete Willi Müller an die EG-Kommission gewandt. Er hatte sich dabei auf den damaligen australischen Handelsminister Howard bezogen, der für seine Kritik am Agrar-Protektionismus der Gemeinschaft ein drastisches Beispiel benutzt hatte: Rindfleisch aus Australien sei gegenüber dem Fleisch einer nach den Regeln der EG-Marktordnung mit Subventionen aufgepäppelten Kuh selbst dann noch wettbewerbsfähig, wenn das australische Rindvieh erster Klasse von Melbourne nach Frankfurt fliegt.

Nachdem sie sechs Monate lang gerechnet hatten, fanden die von Müller zum Beweis des Gegenteils aufgeforderten Bürokraten jedoch heraus, daß der Australier wohl übertrieben haben müsse. Dem Abgeordneten Müller ging jetzt ihre Antwort zu: „In der Gemeinschaft beläuft sich der Preis für lebende Rinder, die in ihrer Qualität mit den in Australien aufgezogenen Tieren vergleichbar sind – zum Beispiel im Vereinigten Königreich aufgezogene Stiere mit gut ausgebildetem Körperbau und einem Lebendgewicht von 500 Kilo –, gegenwärtig auf rund 300 Pfund Sterling. Die Flugpreise erster Klasse von Melbourne nach Frankfurt kostet (dagegen) 729 Pfund Sterling.“

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Durch Praktiken teils am Rande, teils außerhalb der durch, die Agrar-Marktordnungen bestimmten Legalität schöpfen gewitzte Handelsexperten Jahr für Jahr Millionenbeträge zu Lasten des EG-Agrarfonds ab. Um diesen „wahren Europäern“, wie sie der Erfinder des EG-Agrarmarktes, Sicco Mansholt, einmal spöttisch nannte, auf die Spur zu kommen, sind die Finanzbehörden der Mitgliedstaaten schon vor Jahren durch einen Beschluß des EG-Ministerrats verpflichtet worden, mit den Finanzkontrolleuren der EG-Komission zu kooperieren.

Nun aber macht man sich bei der EG-Kommission ernsthafte Gedanken, ob das Fahndungsnetz nicht große Lücken hat. Als nämlich ruchbar wurde, daß im Rahmen eines neuen „Butter-Karussells“ das Überschuß-Produkt mit EG-Export-Subventionen aus Frankreich via Rotterdam mit Bestimmung Osteuropa nach Italien verschoben wurde, schalteten sich auch die Finanzkontrolleure der EG-Kommission in die Fahndung ein. Es bestand der Verdacht, daß bei diesem „offenkundigen Betrug“ (EG-Kommissar Gündelach) Exporterstattungen für ein Ausfuhrgeschäft gezahlt wurden, das nie stattgefunden hat.

Doch als die Brüsseler Kontrolleure bei der italienischen Steuerfahndung um Einsicht in die Papiere baten, wurden sie abgewiesen, Steuerfahndung, so hieß es, sei nach italienischem Recht eine richterliche Untersuchung, in die ausländische Behörden nicht eingreifen dürften. In Brüssel fragt man sich jetzt, was Beschlüsse des EG-Ministerrats wert sind, wenn sie nach dem nationalen Recht nicht angewendet werden können.