Jimmy Carter ist immer für eine Überraschung gut. Nach zweijähriger Unterbrechung will er Indien nun doch rund 7,6 Tonnen schwach angereichertes Uran für den von den Amerikanern gebauten Reaktor Tarapur liefern – gegen eine Empfehlung der US-Atom-Aufsichtsbehörde, mit Billigung des außenpolitischen Ausschusses des Repräsentantenhauses und ohne eine indische Zusage, künftig verstärkte Kontrollen zuzulassen und den Sperrvertrag zu unterzeichnen. Ausgerechnet im Falle Indien, das mit seiner Testexplosion 1974 die amerikanische Furcht vor einer Welt voller Kernwaffenbesitzer weckte, wurde das neue amerikanische Atomgesetz biegsam gehandhabt.

Sicher, für Tarapur bestehen Lieferverpflichtungen bis 1983, und die verschärften Kontrollen des neuen Gesetzes sollen ja erst ab 1980 gelten. Der indische Wink, man könne sich nach anderen Lieferanten – im Klartext: nach Moskau – umsehen, mag ebenfalls seine Wirkung nicht verfehlt haben. Doch die Hartnäckigkeit, mit der Indiens Premierminister Desai seine Position verteidigte, läßt das Wort „flexibel“ für Carters Einlenken sehr schmeichelhaft erscheinen.

Den Europäern kann Carters indischer Seiltrick nur recht sein. Sie dürfen sich jetzt auf einen wichtigen Präzedenzfall berufen, sollte Washington noch einmal Uranlieferungen verzögern oder gar verweigern. Geschähe dies, so könnten sie einen alten Verdacht laut äußern – daß Carters Atomgesetz nicht der Eindämmung nuklearer Gefahren dient, sondern der Behinderung nuklearer Wirtschaftskonkurrenten. H. B.