Bis zum 1. Juli soll sich der niedersächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl über seinen Verbleib in der Union entscheiden. Gegen diese Aufforderung des Landesvorstandes wendet sich Norbert Blüm, Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse, in einem Brief an den CDU-Landesvorsitzenden Wilfried Hasselmann.

Ihr Brief an unseren Parteifreund Grab! hat mich beunruhigt. Es ist nicht nur die ultimative Form, mit der Sie Herrn Gruhl zur Entscheidung zwingen wollen, sondern vor allem die Begründung: „Eine aus dem Wahlkampf gestärkt hervorgegangene CDU in Niedersachsen darf in den eigenen Reihen keine Zweifler dulden.“

Lieber Herr Hasselmann! Ich bin davon überzeugt, nichts macht die großen Volksparteien lebensfremder als ihre vorschnellen Selbstgewißheiten. Gerade eine Partei, die so beispielhaft liberale Tradition in sich aufgenommen hat wie die niedersächsische CDU, sollte der Versuchung zum Kolonnendenken widerstehen. Toleranz dürften auch jene Mitglieder erwarten, die für Parteibindungen nicht die Sicherheit von Glaubensentscheidungen aufbringen. Herbert Gruhl hat mit nicht geringem Erfolg ins Gedächtnis zurückgerufen, was für eine christliche Partei keine Neuigkeit sein darf: Die Erde ist ein endlicher Raum. Die Allmachtsphantasien von Fortschrittsfetischisten jedenfalls sind keine geringere Bedrohung als ein Fatalismus, der nichts für veränderbar hält. Daß das Fest aus ist, das die Industriegesellschaft seit rund 200 Jahren feiert, dafür jedenfalls sprechen mehr als ein Zeichen. Mit Ihnen erwarte ich die Antwort auf die stärker werdenden Zweifel, ob die alten Wachstumsverheißungen noch hal- – ten, was sie versprechen: nicht in der Isolierung des Problems in einer Umweltpartei.

Um so mehr müssen die „Gruhls“ in unserer Partei zu Hause bleiben. Herbert Gruhl hat alte Denkgewohnheiten verunsichert und neue Empfindlichkeiten gemacht. Ich fürchte, wir werden mehr solcher Beunruhigung nötig haben, als uns bequem sein kann. Es könnte sonst passieren, daß wir die wirkliche Tendenzwende verpassen. Und sie bereitet sich möglicherweise unterhalb der Oberfläche konventioneller Wahlkämpfe vor.

Mit Ihrem Namen, lieber Herr Hasselmann, verbinden sich bei vielen unserer Parteifreunde die Vorstellungen von Offenheit und Volksnähe. Zu einem solchen Bild würde kein Dogmatismus passen, auch wenn es sich auf saubere Parteigrenzen kapriziert. Deshalb zweifle ich auch, ob ich Ihren Brief nicht doch mißverstanden habe. Ich hoffe es...