Von William S. Heckscher

An schönen Wochenendtagen im Frühling des Jahres 1933 gingen Erwin Panofsky und ich häufig auf den felsigen Anhöhen der New-Jersey-Seite des Hudsonflusses, mit ihren grandiosen Ausblicken auf die New Yorker Skyline, spazieren. Wir vertrieben uns die Zeit damit, Shakespeares Sonette ins Deutsche zu übersetzen. Ich schrieb auf die Rückseiten von Couverts. Wir taten dies ohne den Shakespeareschen Text, da Panofsky den größten Teil der 154 Gedichte im Kopfe hatte. Nicht nur Fachgelehrter, sondern darüber hinaus echter Humanist, war Panofsky mit einem beneidenswerten Gedächtnis begnadet. Sprachen waren sein natürliches Metier. Für die Ikonologie – immer bereit zu fachlichen Grenzüberschreitungen – war er prädisponiert. Die Notwendigkeit, sich mit sprachkundigen und literaturhistorischen Problemen auseinanderzusetzen (so vielen Fachgenossen ein Greuel!), kam bei ihm einer inneren Veranlagung entgegen. Theologie und Mythologie, Mathematik und Physik wie auch Geschichte (und insbesondere die der Naturwissenschaften) faszinierten ihn von Kindesbeinen an. So kam es, daß er schon vor seiner Promotion eine. Schrift verfaßte, eine preisgekrönte, brillante Studie über die von Italien her inspirierte Mathematik und ihre Rolle in der Kunsttheorie Albrecht Dürers. Im Alter von achtzehn Jahren schuf er somit die Grundlage, auf der er in lebenslangem Bemühen sein Renommee als einer der großen Dürer-Kenner seiner Zeit aufbaute. Nicht nur kulminierte diese Beschäftigung in dem zweibändigen „Dürer“ (1943) – Panofsky Verfaßte schon vorher seine grundlegenden Beiträge zur Geschichte der Proportionslehre und der mathematischen Perspektive, in denen wiederum Dürer eine besondere Stelle einnahm. Und noch einmal, am Ende seines Lebens, erschien von seiner Hand im Jahre 1966 ein bedeutender Beitrag, „Dürer as a Mathematician“, womit sich der magische Kreis gleichsam schloß.

Als er sich 1955 von der Princeton Press dazu überreden ließ, das große Dürer-Werk in einer kompakten einbändigen Ausgabe mit ungekürztem Text erscheinen zu lassen, einer Ausgabe, die vor allem für den gebildeten Laien bestimmt war, gelang es ihm, ein profundes Werk ohne den Ballast gelehrter Anmerkungen, ohne catalogue raisonnée und ohne Index rerum zu konzipieren, welches dennoch auch für seine Fachgenossen ein maßgebende Monument von bleibendem Werte sein sollte.

Es war ein im großen und ganzen glücklicher Griff, den Lise Lotte Möller tat, als sie sich dazu entschloß, diesen einbändigen Dürer ins Deutsche zu übertragen –

Erwin Panofsky: „Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers“, ins Deutsche übersetzt von Lise Lotte Möller; Verlag Redner & Bernhard, München 1977; XXXI. 440 S., 325 Abb., 120,– Mark.

Sie selber ist eine international anerkannte Gelehrte, erfolgreiche Museumsdirektorin, Kennerin mit Fingerspitzengefühl und zugleich einem phänomenalen Formgedächtnis; dazu eine eminent begabte Schriftstellerin, deren Interesse auch das Gebiet der Warburgschen Ikonologie in ihre Arbeit miteinbezog. 1964 hatte sie bereits Panofskys Alterswerk „Tomb Sculpture“ („Grabplastik“) übersetzt, was den Verfasser dazu veranlaßte, mit typischem Selbstspott an sie zu schreiben; und die deutsche Ausgabe in Ihrer bewundernswerten Übertragung möchte man als das kleinere von zwei Übeln ansehen.“ Ich weiß, wie tief beglückt Panofsky von dieser Version seines Buches war, und ich möchte vermuten, daß er – mutatis mutandis – in gleicher Weise auf das Dürer-Buch reagiert haben würde. Lise Lotte Möller hat es bei fast unvorstellbar strenger, ja man möchte sagen fanatischer Loyalität gegenüber Autor und Text erreicht, den Ton, die Nuancen und die inhärente Musikalität so charakteristisch für den gelösten Stil Panofskyscher Prosa der „Mittelperiode“ – im deutschen Idiom unverfälscht niederringen zu lassen und dabei mit selbstloser Diskretion das Buch dem gegenwärtigen Forschungsstand anzugleichen.

Zum Verständnis der Leistung von Lise Lotte Möllers Übertragung müssen wir uns vor Augen halten, daß Panofskys Buch keineswegs „deutsch gedacht“ war. Als Panofsky nach Amerika emigrierte, fand er dort bereits im Jahre 1931 eine höchst originelle kunsthistorische Schule rein amerikanischer Prägung vor. Als Gastprofessor in New York wurde er Zugleich Schüler. Dazu vertiefte er sich in die amerikanische Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, entdeckte für sich Henry James und Melville und schulte sich am unvergleichlichen Prosastil der biographischen „Profile“, die die Zeitschrift „The New Yorker“ zu Recht berühmt machten. Die stilistische Eleganz und die Flüssigkeit seines Dürer-Buches waren in gewissem Sinne ein Signal dafür, daß er sich an führender Stelle in die bedeutende amerikanische Kultur jener heroischen Jahre eingebürgert hatte. Er schuf, vor allem als Dozent, ein überwältigend schönes Englisch eigener Prägung.