Die Eierköpfe wollten nicht im Abseits stehen. Jetzt, wo ein Drittel der Menschheit nach Argentinien guckt. Also starteten sie blitzschnell in den freien Raum, kopierten das Spiel ohne Ball und schossen dann doch ein bildschönes Eigentor.

Just zur Halbzeit der Fußball-WM traf sich eine Handvoll Soziologen, Psychologen, Theologen und Literaten hoch oben auf dem fränkischen Schloß Schwanberg und blickte sinnend auf das Fuß(ball)volk hinab. „Kritische Reflexionen anläßlich der Fußball-WM ’78“ wollten sie anstellen, die „Faszination Fußball“ entzaubern. Die Evangelische Akademie Tutzing hatte solches von ihnen verlangt. Distanz – lautete das kirchliche Gebot der Stunde für den Geist, den es im Fuße juckte.

Wohlan denn, sprach der Soziologe (Gerd Hortleder, Frankfurt) und rasselte mit der sozialen Integrationskette. Wer geht denn nun eigentlich häufiger ins Stadion? Die von der oberen Mittelschicht oder die von der mittleren Unterschicht? Die Wissenschaft hat da noch keine gesicherten Erkenntnisse. Den Proleten wurde jedenfalls das Vergnügungsmonopol auf den Rängen schnell wieder entrissen. Man verbannte sie in die Südkurve als mahnendes Graugans-Symbol für Polizei und Politiker. Fußball ist gesellschaftsfähig geworden. Das Nice-tomeet-you-Grinsen auf der Ehrentribüne wird hinterhältiger, und drunten baut der Vorstopper dem Mittelstürmer auf die Socken.

„Dadurch, daß der Fußball zum Geschäft geworden ist, ist er noch nicht endgültig entwertet“, meinte der Soziologe. „Man sollte den Spielern nicht vorwerfen, daß sie nehmen, was sie kriegen“, pflichtete der Literat (Rudolf Hagelstange, Erbach) bei. Früher die Armbanduhr, heute die Strandvilla. Niemand neidet es ihnen,, doch die Intellektuellen versäumten es, als sie sich gegenseitig die Bälle zuspielten, der Struktur auf den Grund zu gehen.

Treten doch beispielsweise die achtzehn Profiunternehmen der Bundesliga immer noch als Vereine mit dem verschämten Deckmäntelchen der Allgemeinnützigkeit auf. Im Schoße des reichen Deutschen Fußballbundes kuscheln sich Sonntagsspieler ebenso wie die hochdotierten Varietékünstler des grünen Rasens, Und in Präsidien und Beiräten der Kickerkonzerne sitzen längst die Spitzen der Kommunalpolitiker, die für Steuererleichterungen sorgen, für Stadion-Neubauten und für großzügige Schuldenerlasse. Dieses Mal hat der Bundeskanzler es sich gerade noch versagt, Franz Beckenbauer mit Steuergeldern aus Amerika zurückzurufen. Unter dem klassischen Motto „panem et circenses“ empfahl der Literat: „Gebt dem Volk Spiele, soviel es verlangt.“ Leider war keiner unter den Denkern, der ihm entgegenhielt: „Gebt dem Volk Arbeit, soviel es verlangt.“

Der Bann des Balls hatte die Wissenschaftler so gefangen, daß sie sich auf der Motivsuche immer wieder ins Irrationale flüchteten. Da war es dann schon gar nicht mehr verwunderlich, daß der Theologe (Hans Schulze, Erlangen) kommen mußte, seine Kollegen von den nüchternen Fakultäten mit einer ‚Steilvorlage in die Gasse zu schicken. Selbst vom Fußball fasziniert, schoß Schulze dann aber hoch übers Tor: „Die Entwicklung des Fußballs ist eine der größten Kulturleistungen der Menschheit.“ Wenigstens übersah er nicht den Aufbau der Aggressionen beim aktiven Show- wie beim passiven Klubsesselfußball. Mühsam schleppte Schulze die Ambivalenz der gesellschaftlichen Werteskala aufs Spielfeld, wo sich nun die Gegensatzpaare spielerisches Können und Zufall, Gruppenspiel und Einzelkönner, irrationales Bedürfnis und rationales Übermaß wie gehabt mit Fußtritten und Umarmungen traktieren konnten.

Schulze war es auch zu verdanken, daß zu guter Letzt doch noch die andere Hälfte der Menschheit mit ins Spiel gebracht wurde, die so fasziniert vom Fußball wirklich nicht ist. Wie sollte sie auch? Hat man doch hierzulande festgestellt, daß die meisten der von ihren Männern geprügelten Frauen an einem Mittwochabend verprügelt werden, eben dann, wenn die entscheidenden Pokal- und Länderspiele stattfinden. Als Spiegel unserer Gesellschaft taugt es wohl nicht, das Fußballspiel.