Von Jens Friedemann

Seit dreißig Monaten hält Hellmuth Buddenberg, der neue Chef des Hamburger Öl-Konzerns BP, Mitarbeiter und Konkurrenten in Atem. Um „den lahmen Laden“ auf Vordermann zu bringen, wie er 1976 nach seinem Amtsantritt verkündete, solle „eine neue Epoche in der Unternehmensgeschichte“ beginnen. Seine Konkurrenten hatten dafür lange Zeit nur Spott und Ironie übrig – bis zum Freitag vergangener Woche.

Als schon längst alles gelaufen war, teilte Buddenberg den gleich nebenan residierenden Chefs von Shell und Esso per Telephon mit, wer in Zukunft die Nummer eins am deutschen Mineralölmarkt sein werde: Buddenbergs Deutsche BP. Die völlig überraschten Konzernherren erfuhren bei dieser Gelegenheit dann auch noch, daß Buddenberg demnächst neben ihnen am Tisch der Ruhrgas-Aktionäre sitzen werde, in einem Kreis, zu dem sie ihm bisher den Zutritt verwehrt hatten.

Unter einem Decknamen, bei dem wohl niemand an Mineralöl denkt – „4711“ –, hatte der jugendlich wirkende 54jährige Top-Manager eines der spektakulärsten Geschäfte der Nachkriegszeit arrangiert. „Nach absolut geheimen Verhandlungen“ plazierte Buddenberg die deutsche Tochtergesellschaft des britischen Ölmultis nicht nur an die Spitze der deutschen Mineralölindustrie, indem er dem deutschen Energiekonzern Veba in Düsseldorf für 800 Millionen Mark Tankstellen und Raffineriekapazitäten abkaufte (siehe Tabelle Seite 24). Er erwarb gleichzeitig auch noch „ein Juwel des deutschen Energiemarktes“, wie ein Sprecher der Muttergesellschaft in London stolz verkündete, nämlich einen Anteil von 25 Prozent an der Deutschen Ruhrgas in Essen, dem größten Gasverteiler der Bundesrepublik. Überdies sicherte sich die BP 31 Prozent an der Flüssiggas Terminal GmbH, die in Wilhelmshaven einen Gas-Verladehafen errichtet.

Den Einstieg des unliebsamen Konkurrenten in das lukrative Gasgeschäft hätten Shell und Esso wahrscheinlich nur allzu gern verhindert – wenn sie rechtzeitig davon Wind bekommen hätten. Vor zwei Jahren ließen sie den Neuling an der BP-Spitze auflaufen, als er Interesse an einem Aktienpaket der Duisburger Thyssengas zeigte. Shell und Esso, die beide ein Vorkaufsrecht daran besaßen, winkten ab. Nach dem sensationellen Geschäft, das Buddenberg und Veba-Chef Rudolf v. Benningsen-Foerder mit Wirkung vom 1. Januar kommenden Jahres abgeschlossen haben, müssen sich Shell-Chef Johannes Welbergen und Esso-Chef Wolfgang Oehme aber wohl oder übel damit abfinden, daß sie Buddenberg nicht nur in Hamburgs City-Nord sondern auch bei der Ruhrgas als unmittelbaren Nachbarn haben.

So überraschend Buddenbergs Sprung an die Spitze auch kam, so sorgfältig wurde er in den vergangenen Jahren vorbereitet. Der Konzernchef, seit 27 Jahren im Unternehmen und von 1965 bis zu seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden 1976 Finanzchef, hatte seit seinem Amtsantritt alles versucht, um das „um seine Existenz kämpfende Unternehmen“ für den großen Sprung nach vorn fit zu machen.

Dabei wurden unter denkbar ungünstigen Umständen bereits vor dem Geschäft mit der Veba erstaunliche Leistungen vollbracht. Während beispielsweise die Shell 1977 mit einem Verlust von 34 Millionen Mark in ihr „schlechtestes Jahr“ hineinschlitterte, steuerte Buddenberg seinen Konzern ein gutes Stück aus den roten Zahlen heraus. Nach einem Verlust von 70 Millionen im Vorjahr waren es 1977 nur noch 54 Millionen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil BP im Gegensatz zu Shell, Texaco oder Esso über keine deutschen Öl- und Gasvorkommen verfügt, die seit den drastischen Preiserhöhungen der Araber beachtliche Gewinne abwerfen.