ARD, Sonntag, 25. Juni, 20.15 Uhr: „Es leuchten drei Sterne – Respektvolle Beobachtungen unter respektablen Feinschmeckern“, von Roman Brodmann,

Der Super-Star, ganz in Weiß, posiert lassig mit einer Assemblage halbnackter Mädchen. Er genießt es, photographiert Und gefilmt zu werden, und bei den! Dreharbeiten des deutschen Fernseh-Dokumentaristen Roman Brodmann inszeniert er seine Auftritte selber: Meister-Koch Paul Bocuse, Lieblingsschüler des legendären Fernand Point, wie jener im Besitz des „gout de la création“, stellt seinen langsam verblassenden Ruhm als Karajan der Koch-Künstler in allen Medien aus – heute in Paris, morgen in Tokio. Zum Kochen selber kommt der Mann aus Lyon kaum noch.

Bocuse spielt eine Hauptrolle in Brodmanns Report über das von diversen Fachzeitschriften („Essen und Trinken“, „Feinschmecker“) begleitete kulinarische Luxus-Gewerbe: den Glanz seiner Schöpfungen, die Eitelkeiten der Herren der Drei-Sterne-Tempel, den gründlichen deutschen Eifer des bei den Meistern speisenden und spionierenden „kochenden Fußvolks“, zu dem sich auch der Berufs-Gourmet und ZEIT-Mitarbeiter Wolfram Siebeck zählt, der das Werk mit fachkundigen Kommentaren („Da braucht man Zunge, die hat er nicht“) anreichert.

Ganz zum Schluß beteuert Brodmann, der seine Reputation als kritischer „Feature“-Macher mit Filmen wie „Die Misswahl“, „Der Polizeistaatsbesuch“ und „Die grünen Menschen auf Intensiv 1“ erwarb, dazu mit „Berichten aus dem Knast“, er sei kein Banause und auch dem Siebeck sehr verbunden, aber sonderlich wohl fühlt er sich offenbar nicht im Reich der kulinarischen Sinne, des feinen (überfeinerten?) Genusses. Dem Koch Bocuse („Der Trüffel-Fetischist“) hält er seine selbstdarstellerische Routine vor, zu der das deutsche Team den Meister freilich selber ermuntert. Und Einstellungen von erschöpft im Reisebus dösenden Gourmet-Touristen unterlegt er – vom Echo-Hall verzerrt – Rezitationen der verlockendsten Speisefolgen. Das schien mir ein wenig unfair.

Ansonsten: intelligente Momentaufnahmen aus einer geschlossenen Welt mit eigenen Ritualen, teils verwundert, teils leicht ironisch kommenden, mit Musik von Händel und Lully untermalt – weniger eine Analyse des gegenwärtigen Gourmets-Kults als eine Folge von mehr oder weniger aussagestarken Impressionen (eine wohlgenährte Dame aus Frankfurt, Hospitantin bei einem berühmten Koch, beschwert sich, daß es zu Weihnachten in der ganzen Stadt keine frische Gänseleberpastete gegeben habe). Zwischendurch immer wieder Siebeck. Niemand kann so überzeugend wie er die alte Maxime des Fernand Point rezitieren: „Butter, Butter, Butter!“ Hans C. Blumenberg