ARD, Donnerstag, 15. Juni: „Loriot V“

Stellungen, Gebärden und Bewegungen des menschlichen Körpers sind in dem Maße komisch, als uns dieser Körper dabei an einem bloßen Mechanismus erinnert: Diese von Henri Bergson in seinem Traktat über das Lachen entwickelte These hat für den Autor, Regisseur und Schauspieler Loriot die Bedeutung einer Leit-Sentenz. Was immer er seine Personen, und sich selbst voran, tun läßt – entscheidend ist, daß sie un-angemessen, nicht situationsgetreu (auf die Provokationen der Außenwelt „normal“, in Übereinstimmung mit dem Kodex der Konvention) antworten, sondern nach eigenem Gesetz reagieren: unfähig, sich auf die Besonderheit der Lage mit ihren speziellen Anforderungen einzustellen. Einerlei, ob da einer im Flugzeug Rilke zitiert („Du bist eine Laute“), während ein anderer sich über die Schönheiten des Kasseler Schwimmbads verbreitet; einerlei, ob zwei Männer, die versehentlich in der gleichen Hotelbadewanne sitzen, sich aufführen, als gelte es, eine Tisch-Konversation dem akademischen Komment entsprechend über die Runden zu bringen, oder ob ein zerstreuter Herr, nach Streichhölzern suchend, einem ihn um Feuer bittenden Straßenpassanten während des Abklopfens der Taschen Bilder von seiner, des Suchenden, Familie zeigt („Das ist meine Tochter: Gertrud war damals etwas ungünstig frisiert“; „Und hier unser Struppi“) – immer geht es um die Entwicklung von Situationen, in denen sich Menschen unangemessen, maschinell und damit komisch verhalten. Ihr Körper und ihre Rede sind gleichsam „für sich“; Gestik, Mimik und Sprache wirken sperrig; die Glieder proben den Aufstand gegen das eigentlich von ihnen Verlangte. Statt den Faden, mit dem die Roulade umwickelt ist, akkurat zu zerschneiden, verheddert sich der Gast im Restaurant, ein Laokoon in der Imbißstube, in das sich selbständig abspulende Garn (auch hier der Automatismus, das „von selbst“!); statt das übliche Ritual zu befolgen, vom no smoking bis zum Exerzitium des sachgerechten Anschnallens, handeln die Fluggäste, mit ihren knautschenden, quetschenden, zermanschenden Gesten – und den entsprechenden Reden – unangemessen... und führen gerade dadurch die Konvention ad absurdum.

Loriot, darauf beruht der Witz seiner Stücke, inszeniert ein Zwei-Ebenen-Spiel, konfrontiert Ideologie („Gar herrlich ist die Fliegerei“) und Realität (wie Frachtgut werden die Passagiere nebeneinandergeschichtet), läßt Fachsprache („Außentemperatur minus 56 Grad“) auf absurde Rede platzen und erfindet Situationen, in denen das, was einer tut, dem diametral entgegensteht, was er eigentlich tun sollte... womit vordergründig der mechanisch Handelnde (zwei Klavierschlepper, ein kauendes Mädchen, eine Bußgeld-Eintreiberin), hintergründig aber das „eigentlich“ Richtige in Frage gestellt wird: Ist das Normale, überlegt Loriot, tatsächlich gleichbedeutend mit dem Humanen?

Man wird immer eine komische Wirkung erzielen, wenn man einen Gedanken aus seiner ursprünglichen Fassung in einen anderen Ton transportiert: Was Bergson abstrakt formuliert, verwirklicht Loriot auf der Szene – Witz und Komik der Sketche ergeben sich aus der Übertragung von Stilelementen auf eine Ebene, die ihnen ganz und gar inadäquat ist: Beim Grimassieren, Kauen und Schlucken wird Rilke zitiert; beim (vergeblichen) Feuergeben in der Weise eines familiären Kaffeeplauschs drauflos schwadroniert; vor der Parkuhr redet man im Stil des Bürgerlichen Gesetzbuchs, in der Badewanne wie beim Duell à la Theodor Fontane.

Das alles ist klug, intelligent und präzise organisiert: wie vortrefflich, das zeigt sich dann, wenn Loriot, der Seiltänzer, die Balance verliert – wenn er – seine Hauptgefahr! – die Einfälle ausdehnt (Ein Mann wird beim Abflug durchsucht die Szene war um vier Fünftel zu lang) oder wenn er, wie im letzten Sketch, sich à la Blödel-Otto auf den Entwurf von allzu leicht berechenbaren Variationen beschränkt: So witzig ist es ja nun nicht – eher albern! –: wenn zwei Möbelpacker zum fünftenmal Großmutters Klavier ins Wohnzimmer schleppen – in die gute Stube, wo sich dann alle Versammelten auch prompt so verhalten, wie das der Betrachter am Bildschirm vorausgesagt hat.

Sei’s drum: Das Mißlungene am Rande macht die brillante Lösung im Zentrum um so deutlicher. Hommage à Loriot! Momos