Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juni

Noch ist es nicht lange her, daß die Prawda die tiefe Krise der sowjetischen Agenten-Filme und Spionage-Drehbücher beklagte. Wehmütig erinnerte sie an die Geheimdienst-Thriller von Julian Semjonow, dessen Beispiel „die Künstler angespornt habe, ihre zügellose Phantasie zu wecken“. Kategorisch verlangte das Parteiorgan „mehr Lebensnähe für die Agenten-Szene“.

Inzwischen hat die neueste Runde sowjetischamerikanischer Eskalation dem Wunsch der Prawda voll Rechnung getragen. Da wurde ein Abhör-Tunnel unter der amerikanischen Botschaft entdeckt, da enthüllte das KGB ein CIA-Abenteuer in Moskau, welches das Leben schrieb. Krimi-Autor Semjonow formulierte es schleunigst und phantasievoll für die Iswestija um. Die Lebensnähe der Agenten-Szene bekam in der vergangenen Woche auch der Amerikaner Jay Crawford zu spüren, Moskauer Repräsentant der im Osthandel führenden US-Firma International Harvester, Mitten in der Sowjetmetropole wurde er an einer roten Ampel aus dem Wagen gezerrt und in das Lefortowo-Gefängnis geschleift – wegen angeblicher Devisenvergehen.

Dieser Tiefschlag gegen die Handelsbeziehungen war eine neue Variante im politischen Schlagabtausch. Harte Konter freilich hatten die Sowjets dem Weißen Haus schon vierzehn Tage früher avisiert. Am gleichen Tag, an dem Leonid Breschnjew in Prag vom Drang der Entspannungsgegner nach dem „kühlen Krieg“ sprach, kündigte Außenminister Gromyko seinem Amtskollegen Vance den Kleinkrieg um Agenten an. Gromyko forderte zunächst die Freilassung der beiden Sowjetischen UN-Sekretäre Tschernjajew und Enger. Die relativ kleinen Fische waren am 20. Mai unter dem Vorwurf der U-Boot-Spionage in einem Einkaufszentrum verhaftet worden, was Schlagzeilen machte. Der sowjetische Außenminister protestierte deshalb gegen den Bruch des seit Jahren eingespielten Brauchs, solche Fälle in aller Stille durch Abschiebung zu erledigen. „Wir können uns an Ihrem Spiel jederzeit beteiligen“, drohte er.

Zwei Wochen später machte Moskau die Ankündigung wahr. Star-Autor Semjonow beschrieb in der Iswestija die Entlarvung der vor einem Jahr in aller Diskretion aus Moskau abgeschobenen CIA-Agentin Martha Peterson. Die blonde Vize-Konsulin der US-Botschaft, so der vage Kern der Vorwürfe, sei Handlangerin bei einem Giftmord gewesen, mit dem ein (ungenannter) sowjetischer CIA-Agent einen unschuldigen Sowjetbürger aus dem Weg geräumt habe. Die Iswestija stellte ihren Lesern das blonde Gift Martha sogar im Bild vor, aufgenommen beim KGB-Verhör. So etwas ist in der Breschnjew-Ära bisher noch nicht praktiziert worden.

Dann kam die Festnahme Crawfords, was freilich nicht nur eine Revanche war, sondern auch ein Signal Moskaus. Die Sowjets demonstrierten, daß sie das Konzept des Präsidentenberaters Brzezinski („Härte ist stabilisierend“), den sie zum Gegenspieler Nr. 1 erkoren haben, kontern wollen. An Stelle des wichtigen Handelsmannes Crawford hätten sich die Sowjetbehörden eine bequemere Geisel nehmen können, denn schließlich benötigt die sowjetische Landwirtschaft dringend die Ausrüstungen der amerikanischen Firma.