Warum müssen Frauen in privaten Krankenkassen höhere Prämien zahlen? Einem Versicherungsagenten ist die Antwort auf diese Frage offenbar nicht leicht gefallen. Er verstieg sich schließlich zu der Behauptung: „Es ist eben kränker, Frau zu sein, als zu trinken.“ Warum dann nicht gestaffelte Beiträge für Raucher und Trinker? „Schließlich bleiben Sie ein Weib Ihr Leben lang, während Sie das Trinken ja aufhören können“, erwidert der Agent unverdrossen. Auf die Frage, ob Frausein denn ansteckend sei, bleibt er stumm.

Wenn Frauen in eine private Krankenversicherung eintreten wollen, werden ihnen nicht einsehbare Statistiken zitiert, nach denen sie häufiger ärztliche Hilfe beanspruchen als Männer, öfter im Krankenhaus liegen und überhaupt: „Die Frauenleiden, von Schwangerschaft und Geburt ganz zu schweigen.“ Welch ein Wagnis, Frau zu sein! Doch die angeblich so risikobewußten Versicherer wollen hier nur selber auf Nummer Sicher gehen, verweisen auf ihre Mathematiker und kassierten für die „lebenslängliche Krankheit Frau“ Beiträge, die zwischen 30 und 150 Mark höher liegen als die Sätze bei Männern.

Die absurdesten Argumente müssen zu einer Rechtfertigung herhalten: Wenn eine junge Frau in einer Frauengruppe Selbsterfahrung betreibt, wittert ein Versicherer darin schon „psychische Krankheit“ und will gleich noch einen Zuschlag erheben. Eine Kollegin, die schon vor Jahren eine Totaloperation hinter sich gebracht hatte, folglich das Risiko Geburt nicht mitbrachte, muß dennoch nach Frauentarif eingestuft werden und obendrein noch einen Aufschlag zahlen, der eben mit der Operation und eventuellen Folgen bebegründet wird. Eine Journalistin reist für ein Jahr beruflich ins Ausland, schließt eine teure Zusatzversicherung ab (Tabelle „w“ für weiblich) und glaubt, somit alles für ihre Absicherung getan zu haben. Weit gefehlt. Als sie nach Beendigung der Reise dem Versicherungskonzern eine Rechnung über einen kleinen gynäkologischen Eingriff präsentiert, wird ihr die Erstattung der Summe verweigert mit dem Hinweis: „Frauensachen waren nicht mitversichert.“

Doch wo haben die Frauen die Kinder bloß her? fragte sich vor kurzem das Schweizer Frauenblatt in einer Stellungnahme zur Reform der schweizerischen Krankenversicherung. Kinder kommen nicht vom heiligen Geist, sondern von einem Mann.

Doch so ganz wohl fühlen sich die privaten Versicherer mit ihren Frauentarifen offenbar nicht, hatte es sich doch im Zuge der Befragungen herumgesprochen, daß da eine Frau mit „typisch weiblichem Verstand“ die Grundfesten der Versicherungsmathematik erschüttern trachtete.

„Frau bleibt krank.“ Auf diesem Standpunkt beharren die Privatversicherer, da nun mal ihre Statistiken anders ausfallen als die des Bundesarbeitsministeriums. Während das Ministerium erst vor kurzem den Arbeitnehmerinnen ein Lob spendierte, weil sie sich weniger krank meldeten als ihre Kollegen (die Quote der Krankmeldungen lag bei Männern bis zu 0,7 Prozent höher als bei Frauen behaupten die privaten Versicherer weiterhin, Frauen beanspruchten doppelt so viel Leistungen wie Männer (wenig später gibt man allerdings zu, daß dies nur für die Gruppe der 25- bis 30jährigen gelte, mit zunehmendem Alter verschöbe sich die Bilanz zur Seite der Männer). Nach den Erhebungen des bayerischen Arbeitsministeriums lag der Krankenstand der Frauen von 1973 bis 1976 generell deutlich unter dem der Männer. Wer hat nun recht? Auch die seit zwei Jahren laufende Initiative des bayerischen Frauenausschusses hat bislang noch kein Licht in das Dunkel der Versicherungsmathematik gebracht.

Ein Lämpchen der Erkenntnis leuchtet dagegen den Lebensversicherungen. Sie entdeckten – neun von 110 allerdings erst –, daß Frauen länger leben, folglich Todesfälle bei Fälligwerden der Verischerungsleistung seltener vorkommen, und daher der Frauentarif gesenkt werden muß. Was nun? Zu den Irrungen der einen sind nur die Verwirrungen der anderen gekommen.

Adelheid Ohlig