Von Traugott König

Kein Literaturkritiker wird heute ernsthaft behaupten können, daß er die akademische Forschungsdiskussion der Literaturwissenschaft auch nur annähernd verfolgen könne, und zwar nicht nur, weil es einige Mühe kostet, die Darlegung und Interpretation von Forschungsergebnissen vom modischen Jonglieren mit neuen Terminologien zu unterscheiden, sondern weil zu einem wissenschaftlichen Verständnis eines literarischen Textes heute alle Gebiete der Humanwissenschaften herangezogen werden müssen: Linguistik, Informationstheorie, Kommunikationstheorie, Spieltheorie, Psychologie, Soziologie, Geschichte.

Demgegenüber bleibt jede private oder öffentliche Literaturkritik mit ihren rein subjektiven Assoziationen, Sympathien und Aversionen weitgehend dilettantisch und wird daher von der akademischen Forschungsdiskussion kaum zur Kenntnis genommen.

Andererseits bewahrt sich die Kritikerdiskussion gerade durch ihren Dilettantismus eine Erfahrungsspontaneität und Vermittlungsfähigkeit, die die Forschung zum größten Teil verloren hat. Nur selten und meist mit Verspätung kommt es zu einer Kommunikation zwischen akademischer und kritischer Diskussion und damit letztlich zwischen der akademischen Forschung und dem nichtakademischen Leser. Damit eine solche Kommunikation öfter zustande kommt, sind Bücher nötig, die den Stand der Forschung in den verschiedenen zum Verständnis von Literatur notwendigen Disziplinen zusammenfassen. Eine solche Arbeit leistet in höchst anregender Weise die Veröffentlichung des Frankfurter Germanisten –

Hans Dieter Zimmermann: „Vom Nutzen der Literatur – Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der literarischen Kommunikation“; es 885; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 188 S., 7,– DM.

Nachdem der Autor eingangs mit Peter Szondi und Hans Robert Jauß die ungelöste Problematik einer klassischen Ästhetik von Hegel bis Adorno skizziert hat, nennt er gleich seinen eigenen Standort, nach dem Literatur als ein kulturanthropologisches Phänomen Teil des kommunikativen Handelns ist. Damit wird Literatur von vornherein in den Zusammenhang der zwischenmenschlichen Beziehungen eingeordnet und festgestellt, daß prinzipiell jedes Individuum nicht nur Literatur aufnehmen, sondern auch selbst hervorbringen kann, weil es ja auf jeden Fall vorliterarische und halbliterarische, mit Literatur verwandte Produktionen aufnimmt und hervorbringt: „... nur in der innersubjektiven und der intersubjektiven Kommunikation ist uns soviel Gewißheit, daß wir darin Aufschluß über die Funktion der Literatur erlangen können ... Die literarische Kommunikation ist eine Form der sprachlichen Kommunikation unter anderen und die schöngeistige oder fiktionale Literatur ist eine Form der literarischen Kommunikation unter anderen“.

Von diesem Ansatz her trägt der Autor zusammen, was die Psychologen Jean Piaget, Lew Wygotski und George Herbert Mead über die Rolle der Sprachfähigkeit des Kindes bei der Entwicklung von Intelligenz und Identitätsgefühl ermittelt hatten. Dabei werden vor allem die „inneren Bilder“, das „innere Sprechen“ und das „symbolische Spiel“ als entwicklungspsychologische Vorstufen der Literatur hervorgehoben. Diese tragen im Normalfall zur Herstellung eines inneren Gleichgewichts bei, weil sie die Anpassung des Ich an die Realität, wie sie. von der Außenwelt erzwungen wird, durch eine imaginäre Anpassung der Realität an das Ich kompensieren. Und nur wenn das Ich auf diese Weise seine Identität gefunden und seine Kreativität entfaltet hat, ist es zu einer Kommunikation mit einem anderen Ich in der Lage. Werden diese Tätigkeiten in Literatur übersetzt, dann erweist sich Literatur als ein besonders wirksames Mittel der Realitätsbewältigung und Kreativitätsentfaltung.