Er gehört nicht zu den „heißen Babies“ der neuen Hollywood-Generation, den Spielberg, Lucas und Scorsese, denen mit ein oder zwei Filmen der ganz große Durchbruch gelang. Und anders als Robert Altman, der fünf Jahre älter ist als er, blieb ihm auch eine Reputation als Kult-Regisseur versagt. Paul Mazursky, 1930 in Brooklyn geboren (damals hieß er noch Irvin mit Vornamen), paßte nie recht in das Bild, das man sich gemeinhin von Hollywood-Regisseuren macht. Keiner der sechs Filme, die er seit 1969 realisieren konnte, erwies sich als sonderlich kommerziell erfolgreich, keiner paßte zu den jeweils gängigen Kino-Trends.

Zwei von Mazurskys Filmen leisten sich den Luxus autobiographischer Intimität: „Alex in Wonderland“ (1970), in der Bundesrepublik nie verliehen, handelt von der chaotischen Existenz eines jungen Regisseurs und wurde, weil Federico Fellini eine kleine Rolle spielte, spöttisch als Mazurskys „Eineinhalb“ bezeichnet; „Next Stop, Greenwich Village“ (1975), bei uns unter dem idiotischen Titel „Ein Haar in der Suppe“ gehandelt, erzählt von den Abenteuern und Erfahrungen eines jungen jüdischen Schauspielers im New Yorker Künstlerviertel der fünfziger Jahre. Mazursky selber, der nie recht weiß, ob er den entspannten Lebensstil der Westküste der hektischen Vitalität des amerikanischen Ostens vorziehen soll, begann seine Karriere als Schauspieler: in Kubricks „Fear and Desire“ (1952).

Dieses frühe Training blieb auch bestimmend für Mazurskys Arbeit als Regisseur. Nur Robert Altman läßt seinen Schauspielern so viel Raum für eigene Beobachtungen und Experimente wie Mazursky. Wo andere Regisseure es vorziehen, mit etablierten Stars zu arbeiten, lanciert Mazursky weniger bekannte Darsteller, mit denen er seine Arbeitsmethode, eine Mischung aus intensiven Proben und improvisiertem Spiel vor der Kamera, besser realisieren kann: So spielte nicht, wie vom Studio gewünscht, Laurence Olivier die Rolle des unwürdigen Greises in „Harry and Tonto“ (1974), sondern Art Carney, der jede Art von Altmänner-Sentimentalität trotzig unterspielte. Carney bekam für seine Rolle in Mazurskys skurriler amerikanischer Odyssee – fing Zufallsreise quer über den Kontinent – einen „Oscar“.

Und so spielt nicht Barbra Streisand oder Faye Dunaway die Rolle der nach sechzehn Jahren halbwegs glücklicher Mittelstandsehe jäh „entheirateten Frau“ (eine waghalsige Wortschöpfung des deutschen Verleihs, die eher an eine muntere Komödie denken läßt), sondern die auch in Amerika noch nicht sonderlich populäre Jill Clayburgh. „An Unmarried Woman“ brachte ihr in Cannes den Darstellerpreis ein, und auch Mazursky selber wird nun endlich „entdeckt“: „Film Comment“, die beste amerikanische Filmzeitschrift, publizierte ein ausführliches Interview mit ihm, „Newsweek“ gar taufte ihn „einen jüdischen Tschechow“.

Der will Mazursky gewiß nicht sein, aber selbst der Verlegenheitssuperlativ läßt ahnen, warum es so lange gedauert hat, bis dieser Regisseur Anerkennung fand: Mazursky ist kein Mann der lauten Töne, der großen Themen. Seit „Bob & Carol & Ted & Alice“ (1969) beschreibt er am liebsten die moralische Verfassung des amerikanischen Mittelstandes, einer Klasse mithin, die dem neueren Hollywood sonst kaum einen Film wert ist: zwei kalifornische Ehepaare, die unter allerlei Skrupeln und Verklemmungen die Illustriertenklischees von der sexuellen Befreiung nachzuleben versuchen („Bob & Carol & Ted & Alice“); ein ziemlich durchschnittlicher Rechtsanwalt, dem die Frau durchbrennt („Blume in Love“, 1972); ein New Yorker Rentner, der sich auf der Suche nach alternativen Lebensformen begibt („Harry and Tonto“).

So unterscheidet sich denn auch „An Unmarried Woman“ deutlich von den in Hollywood zur Zeit so fashionablen „Women’s Pictures“: Weder wird die weibliche Hauptfigur heroisiert (wie in „Julia“) noch dämonisiert (wie in „Auf der Suche nach Mr. Goodbar“). Erica, Mitte dreißig, die mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Patti in Manhattans East Side wohnt und langsam versucht, ein unabhängiges, nicht auf der scheinbaren Sicherheit einer Ehe basierendes Leben zu führen, ist ein typisches (wenn auch nicht typisiertes) Produkt der upper middle class: hübsch, aber nicht hinreißend attraktiv, intelligent und sophisticated, aber nicht maßlos komisch – keine Hollywood-Figur, sondern eine ganz normale Frau mit ganz normalen Träumen, Neurosen und Verletzungen. Einmal in der Woche trifft sie sich mit ihren drei Freundinnen zu Klatsch und gegenseitigen Tröstungssitzungen, und irgendwann beschreibt sie beiläufig ihr Leben als „eine Mischung aus „Mary Hartman, Mary Hartman‘ und Ingmar Bergman“.

„Mary Hartman, Mary Hartman“ ist eine böse Parodie auf die Rührstücke der amerikanischen Television, eine Fernsehsatire über die Seifenopern des Fernsehens. Mazursky versteht sich selber durchaus als Satiriker, aber er rückt seinen, Figuren nicht mit rigoroser Schärfe zuleibe, sondern mit liebevollem Verständnis. So erscheint nicht einmal der korrekte Ehemann, der unversehens aus seinem häuslichen Frieden ausbricht und sich einer Jüngeren zuwendet, als negative Figur, sondern allenfalls als hilfloses Opfer einer midlife crisis.