Eine Million ausländischer Kinder im Alter unter fünfzehn Jahren leben in der Bundesrepublik Deutschland. Wie Deutsche werden sie mit sechs Jahren schulpflichtig und müssen bis fünfzehn zur Schule gehen. Sie belasten seit zehn und mehr Jahren die Hauptschulen, und die Schule ist eine Last für sie. Beides aus demselben Grunde: es ist noch keine Methode, kein Plan erfunden, der funktioniert.

Die meisten kommen aus der Türkei, weil die Türken nun einmal das größte Kontingent an Gastarbeitern stellen. Wenn es der Phantasie erlaubt ist, sich einmal vorzustellen, wie es einem deutschen Kind auf einer Schule in Izmir oder Elazig erginge, hat man einen der Gründe dafür, daß zwei Drittel bis zu vier Fünfteln der Türkenkinder hierzulande nicht den Hauptschulabschluß erreichen.

Ausländergettos haben wir längst – bisher sind sie noch überwiegend bewohnt von Leuten, die arbeiten und die wir ja nicht ihrer schönen braunen Augen wegen hergeholt haben. Ihre Nachkommen, die ohne Bildung und Ausbildung im Abseits aufwachsen, eine traurige Jugend hier in der Fremde haben und nirgends mehr wirklich zu Hause sind, wird man eines Tages zur Kenntnis nehmen müssen. Sie können ja wohl nicht in Reservaten still verkümmern.

Aber noch wird an Zäunen für Reservate gebaut. Wie sie in den Großstädten – Beispiel Berlin-Kreuzberg – aussehen, ist allgemein bekannt, in den Archiven registriert und wird hervorgeholt, wenn innerhalb der ungewöhnlichen Zustände dort etwas besonders Ungewöhnliches passiert. Abseits dieser Zentren läßt sich in permanenter Stille am drohenden Desaster wirken. Über die nahe Umgebung hinaus hört man keinen Laut. Es sei denn, jemand gewinnt einen Einblick, den er nicht mit Schweigen übergehen will.

Professor Dr. Gregor Sauerwald von der Fachhochschule Münster (Fachbereich Sozialwesen – Praktische Philosophie) arbeitet über Bedürfnisstruktur. Er besuchte die Gemeinschaftsschule in einer kleinen Industriestadt und sah Vorgänge, die sich gewiß nicht nur an diesem einen Ort entwickeln. Wie ein kleiner Punkt der Landkarte unter der Lupe zuweilen mehr zeigt als eine Luftaufnahme, präsentiert sich hier ein Bild.

In Münster und um Münster herum war es schon immer etwas teurer, etwas Besonderes zu wollen und anders zu sein. Dort gegen den Strom zu schwimmen, ist schon den Wiedertäufern schlecht bekommen, und es ist erst zwei Monate her, daß in Nordrhein-Westfalen die Kooperative Schule durch einen Volksentscheid abgeschmettert wurde. Hinter dem luftigen Gewebe Weltanschauung ging und geht es immer um Politik – und das nicht nur im Münsterland. Auch anderswo, in Nordirland zum Beispiel, sagt man Konfession und meint Kattun.

Katholisch oder evangelisch zu sein, war im Münsterschen immer von besonderer Wichtigkeit. Wenn das, was Sauerwald beobachtete, typisch sein sollte, spielt dieser Unterschied nicht mehr die alte Rolle. Man hat jetzt andere, von denen man sich abgrenzen will: