Von Ernst Klee

Frankfurts Theater spielt verrückt. Am 10. Juni war Erstaufführung: "Die verwaltete Seele. Schauspiel Frankfurt erzählt Geschichten ausodem alltäglichen Wahnsinn und dem wahnsinnigen Alltag." Der wahnsinnige Alltag zog sein Publikum an. Nach zwei Tagen Vorverkauf waren alle Karten weg. Die nächste Vorstellung konnte vom kleinen Kammerspiel ins Große Haus verlegt werden.

Mich interessierte die Frage: Was passiert mit den Schauspielern, die sich diesem Thema aus? setzen, und wie reagiert das Publikum?

Im April lasen Schauspieler ein Buch von mir, den "Psychiatrie-Report". Er sollte als Hintergrundlektüre zu einer anderen Aufführung, zu Harold Pinters "Hausmeister", dienen. Im Buch schildern Patienten, wie menschenfeindlich Psychiatrie sein kann. Wie seelisch Bedrohte vom Fallbeil Diagnose getroffen und asyliert werden. Wie der Protest gegen die "Pillenkeule" mit Pillen betäubt wird. Wie sich Ärzte nicht als Heiler (Therapeuten), sondern als Staatsanwälte aufführen, die gegen "Defekte" ermitteln.

Die Schauspieler wären betroffen. Seit Jahren hatten sie über das Thema "Wahnsinn und Gesellschaft" nachgedacht. Sie wollten nicht länger Berichte über das Elend der Psychiatrie konsumieren, sondern handeln. Sie beschlossen, mit dem Thema auf die Bühne zu gehen. In dieser Phase stieß ich zur Gruppe.

Ich kenne das Schauspiel nur aus der Perspektive des Zuschauers, der im Dunkeln sitzt und auf die Bühne sieht, wo er Figuren, die Rollen verkörpern, als Betrachter wahrnimmt. Beim ersten Treffen sitzen Menschen, die ich nicht wiedererkenne, weil sie nicht geschminkt sind und sich in der psychiatrischen Literatur auskennen, als seien es engagierte Studenten. Die Schauspieler entwickeln das "Stück" selbst. Da steht der Bericht einer 17jährigen zur Diskussion, die die Narrenfreiheit auf einer geschlossenen Abteilung schildert: Die Sinnlosigkeit eines Tagesablaufs, das Warten von einer Mahlzeit zur anderen, das Warten auf den Arzt, der keine Zeit hat. Das Warten auf den Abend, auf das Einschlafen, der Kampf gegen die Sinnlosigkeit eines Anstaltsablaufs, der Menschen als Verrückte behandelt, und dann sagt die Schwester: "Nun seien Sie doch mal vernünftig."

Die Schauspieler reagieren mit einer Betroffenheit, die ich in vielen Diskussionen auf bei Patienten und ihren Angehörigen erfahren habe, sie setzen Situationen sinnlich, körperlich um. Eine junge Schauspielerin, die für eine Kollegin einspringen muß, liest zum erstenmal einen Text über Psychiatrie und ihr Verhältnis zur Gewalt, darüber, daß die Geschichte der Psychiatrie auch eine Geschichte der Folter ist: Man ließ die Kranken hungern, dursten, frieren, sich ekeln, brannte sie mit glühenden Eisen, peitschte sie aus, ließ sie in einem hohlen Rad laufen, steckte sie in Zwangsjacken, jagt ihnen Stromstöße durchs Hirn ("Durchflutungstherapie" nennt man heute den Elektroschock), verkocht oder zerschneidet Teile des Gehirns (die Gehirnchirurgie kömmt in Mode). Die Schauspielerin liest den Text still in einer Ecke. Sie knickt in sich zusammen, sagt nichts, Tränen laufen ihr übers Gesicht. Nun gut, wird mancher sagen, Tränen gehören zum Beruf. Der Einwand läßt mich kalt, aber: Ich habe noch keinen Psychiater weinen sehen, weil ihn die menschen verachten de Verwahrung kranker Menschen so berührt hätte.