Von Uwe Prieser

Cordoba

Es ist passiert: „Wir“ sind nicht mehr Weltmeister. „Wir“ müssen jetzt sagen, „unsere Mannschaft“ war diesmal eben nicht gut genug. Die Selbstkritik hat viel für sich, und wer sie nun hierzulande noch weitertreiben will, der mag wohl auch im stillen für sich fragen: durften „wir“ nach 1974 denn schon wieder Weltmeister werden?

Sechs Minuten hatten der deutschen Mannschaft an der erneuten Endspiel-Teilnahme gefehlt, es wäre die vierte seit 1954 gewesen. Wer will, mag das ungnädige Fußball-Geschick beklagen, das van de Kerkhof den Ausgleichstreffer zum 1:2 für Holland schießen ließ. Und daß man dem direkt nicht widersprechen kann, ist eine weitere scheinbare, Ungereimtheit im Geschick der deutschen Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft; denn einen Sieg über Holland hatte sie letztlich nicht verdient.

So wurde der Weltmeister gestürzt, ohne besiegt worden zu sein. Eine grausame Unlogik des Austragungs-Modus, der so etwas zuläßt? Oder der Triumph des ursprünglichen Sinns eines Spiels über seine moderne, phantasielose Erfolgsvariante? Siegen ist offensichtlich doch mehr als bloß Niederlagen verhindern. Helmut Schöns Mannschaft aber war. in Argentinien zum Verlieren zu gut, aber nicht gut genug zum Siegen.

Hatte man das nicht vorher; gewußt? Die Spieler reagierten nach dem Schlußpfiff ganz Spieler Berti Vogts artikulierte, was jeder dachte und jedem anzusehen war: „Eine Niederlage.“ Aber warum? Nur weil sich die Mannschaft zwischen ihrer 430. und 444. Minute dieses Weltturniers an einem Platz wähnen durfte, der ihr eigentlich nicht mehr zustand – im Finale. Nach drei 0:0-Spielen gegen Polen, Tunesien und Italien durfte der ganz große Erfolg nicht mehr erwartet werden. Aber auch der Verlust unerwarteter Geschenke ist halt schmerzlich. So herrschte nach dem Hollandspiel Niedergeschlagenheit in der Kabine der Deutschen. Keiner sprach, denn da wäre „ja nichts zum sagen“, sagte Sepp Maier zu später Stunde in Ascochinga. Da dröhnte aus dem Speisesaal der deutschen Mannschaft schon die Hammond-Orgel. „Happy Birthday to you“. Bernd Hölzenbein war Vater geworden. Später rollte der „gelbe Wagen“ über liederfrohe Spielerzungen, das ewig alte Wasser rauschte von den Bergen und „Glücklich i-hist, wer das vergihi-hißt, was nun einmal nicht zu ä-händern ist.“

Einer fragte den Sepp Maier: „Sag mal, was feiert ihr da drinnen eigentlich?“ Maier grinste. „Geh“, sagte er, „der Weltmeister von 1974, das waren wir doch schon nicht mehr, bevor wir hierher gekommen sind.“