Von Nicholas Wade

Als der amerikanische Nobelpreisträger James Watson 1968 in seinem Buch „Die Doppel-Helix“ die Entdeckung der molekularen Struktur der Erbsubstanz DNS schilderte, richtete er damit zum erstenmal die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Tatsache, daß Wissenschaft eine menschliche – und manchmal konkurrenzbeladene – Tätigkeit ist. Ein anderes Wissenschaftliches Rennen, das viele Beobachter mit dem in Watsons Werk beschriebenen Wettlauf vergleichen, endete letztes Jahr, als die beiden, führenden Teilnehmer in Stockholm die Ziellinie überquerten Sie bekamen die gleichen Teile eines Nobelpreises zugesprochen*.

„Es gab viele Jahre voller bösartiger Attacken und bitterer Vergeltung“, beschreibt Andrew Schally seinen Wettlauf mit Roger Guillemin – ein Rennen, das Wert ist, in die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts einzugehen. Zum einen dauerte es 21 Jahre, erforderte den Aufbau von zwei rivalisierenden Expertengruppen und verschlang Zeit, Geld und Ansehen für ein Wagnis, das zumindest in den ersten 14 Jahren zum Fehlschlag verdammt schien. Zum anderen schuf dieses; Unternehmen die Grundlagen für den neuesten und vielleicht letztendlich wichtigsten Zweig der Endokrinologie, der Lehre von den inneren Drüsen: Das Studium der Hormone, die das Gehirn selbst produziert.

Daß das Gehirn, der Sitz des Verstandes, wie eine gewöhnliche Drüse Hormone produzieren soll, gilt immer noch als bizarre Vorstellung. Doch Guillemin und Schally gelang es, solche Hormone zu isolieren – ein Erfolg, der neue Tore zum Verständnis des Geistes ebenso wie zu medizinischen Nutzanwendungen wie etwa neuen Verhütungsmitteln und der Beherrschung des Diabetes aufstoßen könnte.

Die Suche nach den verborgenen Hormonen des Hirns verlangte Mut und Beharrlichkeit. Sie verlangte, daß Vertrauen in Techniken gesetzt wurde, die nur zweifelhafte Eignung für die anstehenden Aufgaben besaßen. Sie setzte die Forscher den Zweifeln und dem Spott ihrer Kollegen aus – und schließlich sogar der Drohung, daß ihnen die staatliche Unterstützung entzogen würde. Die Art der Suche wurde nicht nur durch das gesetzte Ziel bestimmt, sondern auch durch die Eigenheiten der Forscher, und zwar besonders durch die Beziehungen zwischen Guillemin und Schally.

„Schally ist in vieler Hinsicht ein Slawe, sehr erregbar; Guillemin ist ein weltmännischer Franzose bemerkt Murray Saffran, der einst Schallys Doktorväter an der McGill-Universität in Montreal war. Mehrere Bekannte der beiden Forscher geben jedoch wenig auf diese äußerlichen Unterschiede: „Guillemin und Schally besitzen sehr ähnliche Persönlichkeiten“, meint Cyril Bowers, ein früherer Mitarbeiter Schallys.

In der Tat weisen die beiden Karrieren verblüffende Ähnlichkeiten auf. Sowohl Guillemin, der 1924 im französischen Dijon geboren wurde, als auch Schally, der 1926 im damals polnischen Wilna zur Welt kam, fanden sich Anfang der fünfziger Jahre im kanadischen Montreal wieder, wohin beide gezogen waren, um ihre Doktorarbeiten zu vollenden.