Kaiser Karl IV. ist am 29. November 1378 in Prag gestorben, in seinem Bett, nicht in der Schlacht erschlagen oder heimtückisch vergiftet. Die Geschichtsschreiber, fasziniert von der dramatischen Klimax des Heldentodes, haben dem Kaiser das friedliche Ende übelgenommen, es paßte gut zu der Vorstellung vom trickreichen Kompromißler, der zeitlebens und mit Erfolg kriegerische Auseinandersetzungen vermieden hatte, vom Pfaffenkönig, der Reliquien sammelte und nicht Siege. Klischees leben lange, sie zu korrigieren gibt die 600. Wiederkehr von Karls Todestag Gelegenheit. Gelegenheit macht Ausstellungen, überhaupt und ganz besonders, wenn Anlaß und Ort übereinstimmen – die Nürnberger Kaiserburg, Schauplatz der Ausstellung, war gewissermaßen Karls zweite Residenz.

Der Hausherr von einst empfängt den Besucher am Beginn der Ausstellung, nicht ganz standesgemäß allerdings, er ist nur im Abguß präsent (das Original der monumentalen Statue des Kaisers vom Wiener Stephansdom ist nicht transportabel). Daneben eine Texttafel, die ihn vorstellt: "Karl IV. von Luxemburg, geboren in Prag 1316, erzogen in Paris 1323 bis 1329, erfahren und bewährt in den politischen Affären Italiens, Böhmens und Mährens 1330 bis 1346, regierte 1346 bis 1378 als deutscher und böhmischer König, seit 1355 als Kaiser. Er wirkte, Staatsmann und Mäzen, ein Menschenalter in Mitteleuropa, mit kluger Friedenspolitik, zielbewußten Finanzaktionen und umsichtiger Förderung wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und künstlerischer Aktivitäten." Ein Großphoto von Ambrogio Lorenzettis allegorischer Darstellung des Guten Regiments – das Fresko im Palazzo Pubblico von Siena ist in den Jahren 1338 bis 1340 entstanden – verweist auf diesen zentralen Aspekt seiner Herrschaft.

"Er sucht die politische Idee des Kaisertums aufs neue religiös zu fassen und die politische Wirklichkeit des Reiches aus alten Grundlagen rechtlich festzulegen." Auch dazu eine Illustration – an der Rückseite des Eingangsraums ist ein farbiges Groß-Dia installiert mit der Ansicht einer Kapellenwand auf Burg Karlstein, auf der sein Programm dargestellt war, in der hierarchischen Anordnung von Bildnissen heiliger Könige und kirchlicher Würdenträger. "Karls konstruktiver Konservatismus", so das Fazit, "anregend für ganz Europa, schuf zwischen der großen Pest von 1348, dem Massensterben mit Judenmord und Geißlerzügen" – als Bildkommentar ein Photo von Francesco Trainis Pisaner Fresko ‚Der Triumph des Todes‘ (um 1350) – "und dem großen Schisma von 1378, der Spaltung der Christenheit, ein zufriedenes Zeitalter."

Der Text, Appetitanreger und erste Information, faßt Leben und Taten Karls knapp, präzis und in einigen Punkten etwas euphorisch zusammen. Er spiegelt zugleich das Konzept der Ausstellung, das der Historiker Ferdinand Seibt ausgearbeitet hat – die Person des Kaisers, die Motive seines Handelns und die Wirkungsmöglichkeiten, die ihm seine Zeit erlaubte, stehen im Mittelpunkt. Ohne Zweifel ein schwieriges Unternehmen, das mit der Unanschaulichkeit von Begriffen und Ideen, die Karls Denken bestimmten, zu rechnen hat. Ganz zufriedenstellend wird sich ein solches Problem nicht lösen lassen, aber das für die Ausstellung entwickelte Verbundsystem von Texten, Schautafeln und Dokumenten (auch Kunstwerke sind dabei zunächst einmal historische Dokumente), die aufeinander bezogen sind und so erklärende Querverweise ermöglichen, macht das Ganze für den Besucher immerhin griffig benutzbar; Die wesentlichen Zusammenhänge werden deutlich, die Informationen, die zum Verständnis Karls und der Epoche, in der er lebte, unbedingt nötig sind, werden vermittelt. Die Schwächen der Ausstellung liegen im Konzept, ihre Darstellungsmittel lassen sich kaum noch verbessern, in diesem Punkt hat die Karls-Schau Modellcharakter.

Karls Konservatismus richtete sich auf die Erneuerung überkommener Werte. Seine Vorstellung von der besonderen Würde des Kaisertums war am Vorbild Karls des Großen orientiert und auf die Erhaltung bestehender Strukturen gerichtet. Es ist ihm gelungen, in der Goldenen Bulle von 1356 den Modus der Königswahl dauerhaft in einer bis zum Ende des Reiches im Jahr 1806 gültigen Form zu kodifizieren unter Abwehr des päpstlichen An- und Einspruchs. Damit war die Institution des Herrschers gestärkt, seine reale Macht aber zugunsten der Fürsten geschwächt.

Der Luxemburger war ein kluger Diplomat und ein Realpolitiker, er wußte, daß alles seinen Preis hatte, und er war bereit, ihn zu bezahlen, sofern er ihm angemessen schien. Nur konnte er sich den entscheidenden Tragpfeiler seiner Politik, ohne den seine universalistische Konzeption nicht gesichert war, nicht erkaufen. Karls Reichsidee beruhte auf der Gewaltenteilung zwischen Kaiser und Papst, den beiden höchsten unparteiischen Instanzen. Die Päpste in Avignon, in "Babylonischer Gefangenschaft" residierend, waren aber nur noch prominente Figuren im Spiel partikularer Machtpolitik – und es war kein Zufall, daß wenige Monate vor dem Tode Karls das Schisma ausgebrochen ist. Das hatte durchaus zu tun mit der Schwäche des Reiches und dem Erstarken des französischen Nationalstaates.

Es war die imponierende Leistung Karls, die unvermeidliche Krise einige Jahrzehnte hinausgezögert zu haben. Wie er das gemacht hat und was er erreicht hat, wird in der Ausstellung sichtbar. Kunstwerke, Buchmalereien, Gemälde, Kleinplastiken und Kunsthandwerk dienen dabei als legitime Hifsmittel zur Interpretation historischen Geschehens. Warum Karl letztlich nur einen Erfolg auf Zeit verbuchen konnte und sein großer Plan scheitern mußte, ist nicht erklärt. Eine Ausstellung, die auf einleuchtende Weise als "begehbares Buch" (Ferdinand Seibt) entworfen ist, darf nicht mehr oder weniger die Tatsache ausklammern, daß der Kaiser mit seinem universalen Sendungsbewußtsein eine unzeitgemäße Figur war.