Von Robert Spaemann

Für so gut halte ich die Thesen des Kongresses „Mut zur Erziehung“ gar nicht, daß ich verstehen könnte, warum ein so scharfsinniger Mann wie Professor Tugendhat die elementaren Regeln der Logik und des Anstands preisgeben muß, um überhaupt etwas gegen sie vorzubringen. Konnte DIE ZEIT keinen kompetenteren Kritiker finden, jemanden, dessen Beziehung zu Kindern sich nicht, auf die einjährige Erfahrung als Ethik-Lehrer an einer bayerischen Schule beschränkt, jemanden, der die pädagogische Literatur der letzten 15 Jahre kennt und deshalb nicht naiv fragen muß, wovon die Thesen eigentlich reden? Vielleicht sogar jemanden, der einmal Marx gelesen hat und daher nicht meint, wenn von „Befreiung aus allen herkunftsbedingten Lebensverhältnissen“ die Rede ist, es müsse von Kant die Rede sein und was Kant nicht gemeint habe, könneniemand gemeint haben?

‚Ist es an sich schon wenig sinnvoll, auf ein so unkompetentes Pamphlet zu antworten, so wird es nahezu unmöglich durch den Mangel an elementarem Anstand beim Diskussionspartner. Im Unterschied etwa zu Habermas scheint Professor Tugendhat an so etwas wie einem rationalen Diskurs gar nicht interessiert zu sein. Er unterstellt, die Verfasser der Thesen litten unter Nostalgie nach dem Dritten Reich; sie wollten „eine Erziehung, die keinen Mut, keine Phantasie, keine Sympathie, keine Verantwortung für den einzelnen Menschen erfordert, eine Erziehung auf Kosten unserer Kinder und der Demokratie. Es ist eine psychologische Frage, was diesen absurden Assoziationsmechanismusbei Tugendhat in Gang gesetzt hat; jedenfalls nicht die Thesen und nicht die Kenntnis der Verfasser der Thesen. Ich zum Beispiel habe meine Kinder – solange es ging – in die Freie Waldorfschule geschickt, die vor 1945 verboten war, weil sie meinen Vorstellungen von Erziehung am nächsten kam, einer Erziehung mit Mut, Phantasie, Sympathie, Verantwortung für den einzelnen, einer Erziehung für die Kinder, und eine Einübung in Demokratie. Aber es kommt noch schlimmer. Tugendhat unterstellt Lübbe und Schwan – beides alte Sozialdemokraten –, Golo Mann, Hans Bausch, Lobkowicz und mir, wir hätten Adolf Eichmann zur Zielnorm unserer Erziehung gemacht, und zwar deshalb, weil wir sekundäre Tugenden wie Fleiß, Disziplin und Ordnung so wenig den Eichmann-Staaten überlassen wollen, wie Brot, Eisenbahnen und Müllabfuhr. Niederträchtiger geht es wirklich nicht mehr.

Wenn schon nicht die menschliche, so hätte Professor Tugendhat doch die wissenschaftliche Moral veranlassen müssen, die Thesen auf dem Hintergrund jener Reden zu interpretieren, die mit ihnen resümiert werden sollten. (Ich selbst war an diesem Resümee übrigens nicht beteiligt.) Warum erwähnt er nicht, daß ich in meinem Bonner Vortrag mit einer warnenden Charakterisierung der Nazi-Erziehung begonnen habe, daß ich als beispielhaft einen eigenen Lehrer geschildert habe, der seine Klassen gegen Nazi-Parolen immunisierte und daß ich als einziges Beispiel; eines erzogenen Menschen Rosa Luxemburg mit Zitaten aus ihren Briefen vorgestellt habe? Woher nimmt Professor Tugendhat die moralischen Grundsätze, die es ihm erlauben, so mit der Wahrheit umzugehen? Vielleicht aus dem BGH-Urteil in Sachen Boll–Waiden? Der Gedanke, macht einen erschrecken, daß es diese Grundsätze sind, die er seinen Ethik-Schülern vermittelt.

Mit der Logik des Logikers Tugendhat steht es nicht besser als mit der Ethik des Ethikers Tugendhat. Mangels einschlägiger empirischer, Kenntnisse repliziert er rein ideologisch-dialektisch auf Thesen, die doch zum großen Teil empirische Behauptungen enthielten. Der Aristoteles-Forscher Tugendhat hat dabei offenbar die „sophistischen Widerlegungen“ des Aristoteles besser Studiert als dessen Logik.

Zwei Beispiele: Die „Thesen“ enthielten eine empirisch-psychologische, also prinzipiell widerlegbare Behauptung über ein Mittel-Zweck-Verhältnis. Es heißt nämlich darin, die Fixierung auf Glücksansprüche sei als Disposition dem Lebensglück nicht förderlich, eine Auffassung, die die Verfasser mit Spinoza, Kant und Scheler teilen. Tugendhat versucht nun nicht etwa zu zeigen; daß diese Disposition sehr wohl förderlich sein kann – eine These über die man schließlich diskutieren könnte –, sondern er beschimpft die Verfasser als Menschenverächter, die das Glück ihrer Kinder nicht wollen.