Von H. F. Bienfuß

Insgesamt wanderten wir 250 Kilometer in zwei Wochen, von Reykjavik über Thörsmörk, den Skogafoss und Vik in die Eldgja-Schlucht – und es war selten wirklich anstrengend. Freilich, mit dem Bus hätten wir mehr sehen können; und einmal, eine Stunde lang – zu lang – stiegen wir auch in einen Touristenbus zu. Wir waren froh, als wir wieder gehen durften, weil wir mußten, wieder in den Wind, in die Wolken, in den Regen kamen. Denn da gibt es niemanden, der auf dem Nebensitz schon morgens um neun Uhr raucht. Da macht keiner das Fenster auf oder zu und damit auf jeden Fall was falsch. Und da beschlagen keine Scheiben, weil es drinnen viel wärmer ist als draußen.

Am fünften, dem schönsten und längsten Tag unserer Pauschaltour in Südwest-Island, gab es keinen Regen, der sonst das Wandern auf dieser nördlichen Insel häufig vermiest. Unser Tagesziel war die Hütte von Landmannalaugar. Der Weg führte von unserem Zeltplatz in einer Vulkanschlucht auf 900 Meter Höhe, durch Gletschertäler in die Welt der Minerale, der Schwefelberge und der warmen Quellen, insgesamt gute 25 Kilometer.

Gegen acht Uhr – bei dichtem Nebel – beginnen wir den Aufstieg. Zelt und Gepäck werden in und auf den begleitenden Landrover verstaut, so daß wir selbst nur den Tagesrucksack tragen, etwas Verpflegung, frische Socken, Pflaster und Kamera. Zwei Stunden etwa benötigen wir bis ganz nach oben. Der Nebel wird währenddessen dünner, und schließlich erstrahlt Islands Sommersonne. Unter uns und neben uns werden, moosgrüne Hügel, unterbrochen von kleinen Bächen, sichtbar, die nur noch teilweise verdeckt sind von Dunstfeldern oder Schneeresten.

Es ist ein schönes, geduldiges, stilles Bergaufgehen an diesem Morgen. Die Gruppe ist weit auseinandergezogen, da die einen lieber zügig durchgehen, andere gern stehenbleiben, photografieren, miteinander reden. Es gibt nur den Weg und uns und diese bäum- und strauchlose Landschaft, die mit ihrer Konzentration auf Erdbraun, Moosgrün, Lavaschwarz und Schneeweiß wie eine dreidimensionale Graphik wirkt. Land-Art.

Vor uns liegt das Jökulsdalir, das Gletschertal. Der Weg wird jetzt immer öfter von Gletscherbächen gekreuzt. Über die kleinen springt man noch, die größeren jedoch müssen wir durchwaten. Ich ziehe mutig Turnschuhe über Füße und Socken, laufe damit durch das gletschereiskalte Wasser und hoffe, daß bald des Wanderführers Voraussage eintrifft, sich nämlich die Füße beim Gehen schnell erwärmen und Wind und Sonne Schuhe und Socken trocknen. Beim ersten Nieser freilich krame ich doch nach meinen Gummistiefeln.

Zwölf Uhr. Wir sind jetzt vier Stunden unterwegs, bei dem angestrebten Vier-km/h-Tempo theoretisch also schon gute 15 Kilometer vorangekommen. Landmannalaugar dürfte danach nur noch zehn Kilometer entfernt sein. Die Karte sieht das etwas anders. Es ist Zeit für eine Rast. Schokolade, etwas Knäckebrot, Salami, Traubenzucker, das sind so die mittäglichen Menüs, für die jeder selbst sorgt, und mit einem fixen Tee aus der Landrover-Küche ist das auch genug, denn abends essen wir reichlich.