Die USA erleben derzeit einen touristischen Boom, wie ihn vor ein oder zwei Jahren kaum jemand prophezeit hätte. Eine der Folgen: An den Schaltern der Autovermieter müssen immer mehr Kunden abgewiesen werden, weil alle Wagen vergeben sind.

Der Kunde, ein dank seines Berufes professioneller Amerika-Reisender, war verblüfft. Die Dame am Schalter der Autovermietung konnte ihm nicht helfen, alle Wagen waren vergeben. Die Szene spielte sich nicht etwa in einem Provinznest im mittleren Westen ab, sondern auf einem der geschäftigsten Flughäfen der Welt, auf Los Angeles’ International Airport. Und daß dort am Avis-Schalter, wo täglich rund 800 Wagen vermietet oder zurückgenommen werden, kein Fahrzeug mehr bereitstand, widersprach allen bisherigen US-Erfahrungen: Mietwagen sind in Amerika allenthalben so verfügbar wie Coke und Hamburgers.

Es war schließlich möglich, einen Leihwagen aus der Stadt an den Flughafen zu beordern. Aber die kleine Szene vor dem Schalter war doch symptomatisch. Sie hätte sich ebenso gut bei Hertz, National, Budget oder einer sonstigen Mietwagenkette abspielen können. Auch die Verleiher von Motorhomes und Camperfahrzeugen können zur Zeit nicht jeden Wunsch umgehend erfüllen, Hotels können satte Belegungsziffern vorweisen, und Fluggesellschaften zeigen stolz auf ihre wohlgefüllten Maschinen auf den inneramerikanischen Strecken: Die USA erleben zur Zeit einen touristischen Boom, wie ihn vor ein oder zwei Jahren kaum jemand prophezeit hätte.

Die Luftlinien haben dieses Reisefieber bei den amerikanischen Bürgern entfacht. Von der auf völlige Tarifgestaltungsfreiheit abzielenden Bundes-Luftfahrtsbehörde (Civil Aeronautics Board) unterstützt, haben die Linien zuerst auf den nicht ausgelasteten Inlandsstrecken billige Sondertarife ausgeknobelt, um Passagiere für die freigebliebenen Sitze zu bekommen. Angesichts der harten Konkurrenzsituation auf dem Inlandsmarkt sind die Luftlinien aber bald dazu übergegangen, auch auf den stark beflogenen Routen Rabatte einzuräumen – ein Prozeß, der noch anhält.

Es gibt nur noch wenige Hauptverbindungen, auf denen man nicht verbilligt fliegen kann; die Ermäßigungen betragen bis zu 50 Prozent, in Einzelfällen liegen sie auch noch über diesem Satz. Und da die Bürger diese Vergünstigungen fleißig nutzen, kam es zu den Engpässen. Mit ihnen ist auch in der sommerlichen Hauptreisezeit zu rechnen.

In diesem Jahr werden wahrscheinlich mehr Deutsche als je zuvor ihre Ferien in Amerika verbringen, allein der Branchenführer unter den Charterflug-Veranstaltern, das Deutsche Reisebüro (DER), wird mehr als 80 000 Gäste von Deutschland in die USA befördern. Viele dieser Besucher kennen die Staaten schon von einem vorangegangenen Besuch, sie gehen, so die DER-Erfahrungen, jenseits des Atlantiks meist auf eigene Faust auf Tour.

Diese Touristen müssen die frisch entflammte Reiselust der Amerikaner besonders einkalkulieren: Frühzeitige Reservierungen von Hotels und Transportmitteln sind mehr denn je zu empfehlen (siehe ZEIT Nr. 21 vom 19. Mai). Der Ratschlag, alle weiteren Reisebuchungen erst nach Ankunft in den USA zu tätigen und somit viel Geld zu sparen, hat zumindest für die Sommermonate kaum Gültigkeit. Gewiß wird der Tourist, der hierzulande bereits seine Unterkunft oder seinen Leihwagen bestellt hat, beim Blättern in amerikanischen Zeitschriften günstigere Angebote in den Anzeigen finden. Aber ob diese gerade zur Hauptsaison noch verfügbar sind, ist angesichts des amerikanischen Reisebooms fraglich. Im unglücklichen Fall kann die Organisation einer Unterkunft und eines Leihwagens einen halben Ferientag kosten. K. V.