Die Fußballweltmeisterschaft bescherte britischen Wettbüros Rekordeinnahmen

Die deutschen Hoffnungen waren am Sonntagabend nach dem Unentschieden gegen Holland gerade fast auf den Nullpunkt gesunken, als Colin Miles von der britischen Wettfirma Ladbrokes mit seinen Überlegungen begann, wie weit er die Quote für einen deutschen Sieg anheben sollte. Nachdem die Ergebnisse in der zweiten Gruppe der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien feststanden, war für ihn klar, welche "odds" Ladbrokes seinen Kunden am Montag anbieten sollte: 200 zu 1. Helmut Schöns so unentschlossen wirkende Ballkünstler waren zum krassen Außenseiter geworden, noch weit hinter dem zweiten Außenseiter Polen, für deren Sieg das Ladbrokes-Angebot auf 100 zu 1 verharrte.

Dabei hatte es so vielversprechend begonnen. Nach der Gruppen-Auslosung wurde Deutschland nur knapp hinter den Favoriten Brasilien (7 zu 4) und Argentinien (7 zu 2) mit 4 zu 1 notiert. Vor den Spielen am Sonntag hatte Argentinien (2 zu 1) Brasilien (4 zu 1) überholt, während die Deutschen sich mit 6 zu 1 noch respektabel hielten. Nun liegen die Holländer mit 9 zu 4 vorn, haben die Argentinier (5 zu 2), die Brasilianer (11 zu 4) und die Italiener (7 zu 2) überholt.

Das Wetten auf den Ausgang der Weltmeisterschaft hat einen Umfang angenommen, der selbst die abgebrühten Buchmacher im wettsüchtigen Großbritannien überraschte. Der Fußball-Wettexperte der Firma Coral, einer der "großen Vier" im Geschäft, kommentiert: "Die Leute wetten, als ob das Geld aus der Mode gekommen ist." Das Interesse ist wesentlich größer als vor vier Jahren, obwohl England abermals nur eine Beobachterrolle spielt und Schottland abermals nach der ersten Runde aus dem Rennen geworfen wurde.

Ladbrokes, die ihren Marktanteil auf zwanzig Prozent veranschlagen, erwarten, daß sie vor dem Anpfiff zum Endspiel etwa eineinhalb Millionen Pfund von den Fußballwettern eingenommen haben werden. Für das ganze Land errechnet sich daraus eine Summe von siebeneinhalb Millionen Pfund. Das ist ungefähr so viel, wie in Großbritannien auf den Ausgang der Unterhauswahlen gesetzt wird. (Für den nächsten Urnengang, der von vielen Beobachtern im Oktober erwartet wird, stehen die Wetten übrigens 4 zu 9 für Mrs. Thatchers favorisierte Konservative und 7 zu 4 für Mr. Callaghan’s Labourparty). Aber auch diese Ereignisse reichen nicht ganz an die großen Pferderennen heran, das Derby oder das Grand National, für die jede Hausfrau ein paar Pfunde in der Geldbörse beiseitegesteckt hat.

Gründe für die Wettlust bei der Fußball-Weltmeisterschaft sehen die Buchmacher vor allem in den ausgedehnten Fernsehübertragungen. Die pausenlose Berieselung, die wieder und wieder gezeigten Torszenen, die ausgedehnte Berichterstattung in den Zeitungen, die "Experten-Gespräche" davor und danach, das alles scheint das Interesse und die Wettlust angestachelt zu haben.

Außerdem bieten die Firmen diesmal eine wesentlich breitere Palette von Wettangeboten. Für jedes Spiel werden viele Wetten gelegt. Wie ist der Halbzeitstand? Wer schießt das erste Tor? Außerdem werden Preise für die Torergebnisse angeboten. Wer zum Beispiel ein Pfund auf das 2:2 Ergebnis im Spiel Deutschland-Holland gesetzt hatte, bekommt von William Hill 15 Pfund minus neun Prozent Steuer, also 13,65 Pfund, zurück.

Bei Hill durchlebte man unangenehme Minuten, als Schottland im entscheidenden Spiel gegen Holland mit Drei zu Eins in Front lag und nur noch ein Tor zur Qualifikation für die letzten Acht brauchte. Zu einem Preis von 66 zu 1 hatte Hill eine Menge Wetten angenommen. "Wir hätten Zehntausende auszahlen müssen, wenn nicht die Holländer sondern die Schotten noch ein Tor geschossen hätten", berichtet ein Hill-Sprecher erleichtert. Coral, wo als größte Einzelwette 10 000 Pfund für einen Weltmeister Brasilien einlief, müßte am meisten bei einem deutschen Sieg auszahlen – und ist nun ebenfalls erleichtert. Bei Ladbrokes heißt es: "Mit Holland verlieren wir, mit Italien würden wir gewinnen." Wilfried Kratz