Lindau

Es war keine rechte Zier für den wackeren Waidmann. Er legte an, zielte schnell, drückte ab, es krachte, doch der Schuß ging nach hinten los. Nicht das vermeintliche Wild blieb auf der Strecke, sondern der Ruf des Jägers. Und der ist auch noch der Jägermeister, der in Lindau am Bodensee einen der kompetentesten und prominentesten Naturschützer der Republik auf die Abschußliste setzte: den Fernseh journalisten Horst Stern. Erich Kunze, der Vorsitzende der Lindauer Kreisjägerschaft, wollte ihn politisch kurzerhand mit einem Blattschuß niedermachen.

Der Kleinkrieg vom Bodensee spielt auf vielen Ebenen und ist auf den ersten Blick ziemlich verworren. Den Überbau bilden die Ökologen, die die Jäger seit Jahren ob ihrer „Bambi“-Mentalität attackieren, was bedeutet, daß die Waidmänner mit der Überhege des von keinem natürlichen Feind mehr bedrohten Rehwilds das ökologische Gleichgewicht in Wald und Flur gefährden. Stern ist neben dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz eines der prominentesten Mitglieder in der mutigen „Gruppe Ökologie“. Die unterste Ebene des Streits gibt die Lokalpolitik ab. Denn Stern, der seit 1970 unweit des Bodensees einen alten Allgäuer Berghof bewohnt und in wissenschaftlichem Auftrag Schafe züchtet und beobachtet, ist seit 1973 Naturschutzbeauftragter des Kreises Lindau – eine Funktion, die ihm dank des leidlich funktionierenden bayerischen Naturschutzgesetzes bei Bauvorhaben viele Einspruchsmöglichkeiten einräumt.

Was nicht immer nur Dank einbringt, zumal Stern auch nicht davor zurückschreckt, prominente Mitbürger zu attackieren. So verweigert er jetzt Felix Wankel, dem Erfinder des Kreiskolbenmotors, die Zustimmung zum Bau eines Bootshauses im Bereich des Wankeischen Forschungsinstituts, das nun einmal im Landschaftsschutzgebiet am Lindauer Bodenseeufer liegt. Jäger Kunze und Erfinder Wankel sind Freunde, Kunze ist Vorsitzender des örtlichen Tierschutzvereins, dem gegenüber sich Wankel nie knauserig zeigte.

Daß im Streit um Stern plötzlich alle drei Ebenen ineinandergriffen, konnte nur Naive überraschen. Der Naturschützer habe, befand Kunze in einem der Lokalpresse übergebenen Brief an Landrat Klaus Henninger, zur Tierquälerei aufgerufen, das Landratsamt als untere Jagdbehörde in Mißkredit gebracht und lächerlich gemacht sowie den Kreistag von Lindau zu nötigen versucht. Folglich müsse der Landrat seinen Naturschutzbeauftragten endlich des Amtes entheben, forderte Kunze, der sich später unter dem Druck seiner eigenen Jagdgenossen dazu bekennen mußte, einen von der Kreis-Jägerschaft nicht autorisierten Alleingang unternommen zu haben.

Wenn es auch nahegelegen hätte, kritisierte Kunze nicht etwa Sterns Votum gegen Wankeis Bootshaus, sondern eine Rede, die der Ökologe schon vor einem guten Vierteljahr vor der evangelischen Akademie in Tutzing am Starnberger See gehalten hatte und die Furore machte. Stern erneuerte in dem Referat, das auszugsweise auch in der Presse abgedruckt wurde, seine Kritik an der unnatürlichen Aufzucht des Rehwilds in deutschen Wäldern, an der „Domestizierung des: Jägers zum Züchter“, an der Jagd als „Erschießungskommando“ oder „Schießtourismus für Privilegierte“, Jagen ziehe heute „vermehrt die Drohnen an, die Lauen und die Statussüchtigen“, schalt Stern.

Stern riet, die Jagd „könnte in ihren vermeintlichen Feinden öffentlich für sie einstehende Freunde haben, würde sie sich endlich entschließen, das Wild wieder selten und die Jagd wieder hart und einfach zu machen, indem sie mit den meisten Jagdhäusern von ärgerlichem Luxus befreit, die verbreitete Bestechung der revierverpachtenden Kommunen in Solidarität mit den sozial schwachen einheimischen Jagdgenossen einstellt und rigoros jene achtet, die sich mit dem Scheckbuch Ablaß erkaufen vom Handwerk ehrlicher Jagd“.