Hamburg

Pünktlich zum Sommeranfang macht Hamburgs Boulevardpresse dem ruhigen Bürger wieder Angst: „Rocker. Die Polizei rechnet mit einem Sommer der Gewalt.“ Die sensationelle Aufmachung trägt sicher nicht dazu bei, die gewalttätigen jugendlichen Geister, die man knallig ruft, auch wieder loszuwerden.

Während so mit dem Bürgerschreck Stimmung gemacht wird, ging eine andere Nachricht zum Thema Rocker unter, die nun wirklich eine Sensation ist, allerdings keine aggressionsfördernde, sondern eine friedensstiftende. Der Verein Jugendsozialarbeit der Hamburger Apostelkirche hat von der Stuttgarter Robert-Bosch-Stiftung 750 000 Mark für ein auf drei Jahre angelegtes Projekt erhalten: „Vorbeugende Jugendarbeit mit gefährdeten Jugendlichen in- und außerhalb von Freizeiteinrichtungen.“

Hinter der nüchternen Sprache stecken neun Jahre hautnahe praktische Beschäftigung mit dem Rockerproblem. Seit Ende der sechziger Jahre bemüht sich ein Team von Sozialarbeitern der Apostelkirche, zusammengehalten von Diakon Jörg Krausslach, in zäher Kleinarbeit um Jugendliche, die zu Gewalttätigkeit neigen. Ort der Aktivität: Ein Keller im Gemeindehaus, der sich vom Treffpunkt „normaler“ Jugendgruppen allmählich zum Rockerkeller wandelte, ohne viel Zutun der Sozialarbeiter übrigens, denn die Rocker standen eines Tages vor der Tür und begehrten Aufnahme.

Die Herausforderung wurde angenommen, zur gleichen Zeit, als auch in anderen Gemeinden der Hansestadt Rockerklubs gegründet wurden. Im Gegensatz zu dem über die Grenzen Hamburgs hinaus bekanntgewordener „Rockerpastor“ Wolfgang Weissbach, der außer gutem Willen und großen Worten nichts zu bieten hatte und bald den Rückzug antrat, verstanden es die Leute von der Apostelkirche, das Vertrauen der schwierigen Jugendlichen zu gewinnen, in der Klubatmosphäre gewaltlose Formen der Auseinandersetzung einzuüben, in Behörden- und Familienfragen zu beraten.

Das Fundament erwies sich als tragfähig. Selbst als 1973 die Mitarbeiter wegen akuter Geldknappheit aufgeben wollten, den Rockerkeller schlossen, dieser daraufhin von den Jugend-– lichen besetzt wurde, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung eine Rockergruppe den Keller überfiel und ein Klubmitglied totschlug, gaben die Beteiligten nicht auf. Die Katastrophe wirkte wie ein Wecksignal: Staat und Kirche griffen in den Geldsäckel. Mittlerweile wird die Arbeit mit rund 300 000 Mark im Jahr gefördert. Für ihre Bestandsaufnahme: „Aggressive Jugendliche, Jugendarbeit zwischen Kneipe und Knast“ erhielten die Mitarbeiter 1974 den Hermine-Albers-Preis der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe.

Das Geld aus Stuttgart belohnt jahrelange Schufterei. Damit kann man nun auch die Arbeit weiterentwickeln. Denn mittlerweile ist das Team an die Grenze der Erfahrungen im engen Bereich des Kellers gestoßen. Die große Masse aller gefährdeten Jugendlichen hat mit Jugendhäusern oder Zentren, und seien sie noch so offen und tolerant gestaltet, nichts im Sinn, sondern bevorzugt Kneipen, Spielhallen oder andere öffentliche Plätze wie Parks oder Schwimmbäder. Diese subkulturelle Szene läuft weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit und ist auch einer empirischen Sozialwissenschaft so gut wie unbekannt. In einigen bundesdeutschen Städten, einschließlich Berlin, werden jetzt Experimente mit Straßensozialarbeit gestartet, mit streetwork – diese sozialpädagogische Methode kommt aus den Vereinigten Staaten. Bislang jedoch wird bundesdeutsche streetwork eher ins Blaue geplant, wie Jörg Krausslach in einer Studie herausfand, die demnächst im Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt erscheinen wird.