Zu Besuch bei polnischen Wissenschaftlern: Wenn die Ankündigung sie auf dem Postwege nicht erreicht hatte, wußten sie spätestens durch die diskreten Erkundigungen der Geheimpolizei, daß Heinrich Pfeiffer, spiritus rector der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, auf dem Wege war, um die Häupter seiner Lieben zu zählen, also die der ehemaligen polnischen Humboldt-Stipendiaten. Obwohl die Visite den offiziellen Segen aus Warschau hatte, reagierten subalterne Beamte in Partei und Polizei offensichtlich mit Mißtrauen. Die durch ideologische Vorbehalte nicht getrübte Wiedersehensfreude der Wissenschaftler in Breslau, Krakau und Warschau, in Lublin, Thorn, Danzig und Posen mochte ihnen ebensowenig geheuer sein wie die lebhafte Zielstrebigkeit, mit der sich die Rektoren der Universitäten bei Heinrich Pfeiffer nach den Chancen für weitere Stipendien in der Bundesrepublik erkundigten.

Die Humboldt-Stiftung, 1860 in Berlin gegründet, vergibt ihre ein- bis zweijährigen Forschungsstipendien an hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler aus dem Ausland. Kriterium für die Auswahl ist ihre Exzellenz, andere Bedingungen werden nicht gestellt. Dafür können die Stipendiaten in der Bundesrepublik forschen, wo sie wollen und was sie wollen. Bezahlt werden sie wie ihre deutschen Universitätskollegen in vergleichbaren Positionen (1900 bis 2200 Mark netto). Die meisten nutzen die Zeit für ihre Habilitationsarbeit, und viele Humboldt-Stipendiaten machen später Karriere – wenn nicht in der Wissenschaft, dann in maßgebenden Positionen der Verwaltung und Regierung ihres Landes, vor allem in der Wirtschaft. In Südamerika und Japan haben Handelsbeziehungen mit der Bundesrepublik ihre Impulse hinter den Kulissen nicht selten von ehemaligen Humboldt-Stipendiaten erhalten.

Das Auswärtige Amt spielt die Hauptrolle unter den Humboldt-Stiftern. Aber im Unterschied zur offiziellen auswärtigen Kulturpolitik, die sich weniger in Taten als in theoretischen Sinn-Diskussionen bemerkbar macht, arbeitet die Humboldt-Stiftung unbeeindruckt von politischen Tagesparolen, auch unbemerkt von der Öffentlichkeit, und geschickt abgeschirmt von den „Heiligen“, die sie sich als Präsidenten an ihre Spitze zu setzen weiß: Bis zu seinem Tode war es Werner Heisenberg. Sein Nachfolger ist der Nobelpreisträger Feodor Lynen.

Obwohl es für die Humboldt-Stiftung nicht einfach war, im Ostblock wieder Vertrauen zu gewinnen, fehlt ihrer Erfolgsgeschichte auch in Polen nichts – es sei denn die strahlenden Helden. So viele graue, zerfurchte und müde Gesichter; so viele Menschen, die aussehen, als würden sie zuviel arbeiten, zuviel trinken und zuviel rauchen – oder als wäre es ihnen vom Arzt gerade erst verboten worden. Unablässig scheinen sie darüber nachzudenken, wie ihnen ein Kornfeld auf der flachen Hand wachsen könnte. Außer ihrer Intelligenz ist in Polen alles knapp, vor allem Geld und Devisen. Nirgendwo wird es deutlicher als in den Laboratorien der Naturwissenschaftler; in denen zu oft mit unzureichenden, altmodischen, oder selbstgebastelten Geräten hantiert wird, die im internationalen Vergleich nicht konkurrieren können. Manchmal steht da auch ein Gerät aus den USA oder der Bundesrepublik. Aber das Drama beginnt, wenn die erste Reparatur fällig wird: Für den Ingenieur, der dafür aus Wien oder München kommen muß, fehlen die Devisen.

Natürlich machen die „Ehemaligen“ auch in Polen ihren Weg. Viele sind Groß-Ordinarien mit einer Schar braver Assistenten, die aufspringen, wenn der Professor das Zimmer betritt. Sie sind hochmögende Institutsdirektoren mit vielen Privilegien und fast unbeschränkten Reisemöglichkeiten ins westliche Ausland. Aber der Preis, den sie zahlen, ist hoch. Ein Humboldt-Stipendiat und Germanist begrüßte die Gäste in Breslau mit einer Frieden-und-Freiheit-Rede und der Belehrung, daß das heutige Wroslaw eine zweitausend Jahre alte polnische Siedlung sei: Ort the level war das nicht, aber das Weihrauchopfer mußte wohl gebracht werden. Am Abend wurde die Erinnerung daran mit Wodka hinuntergespült und mit Polizisten-Witzen weggelacht. Sie sind in Polen so gängig wie die Ostfriesenwitze und nach demselben Muster gestrickt. Frage: Was macht ein Polizist, wenn er eine Büchse öffnen soll? Antwort: Er klopft an und ruft: „Aufmachen, Polizei hier.“

Die politische Anpassungsfähigkeit wird nur noch von dem Zynismus übertroffen, mit der die Wissenschaftler sich absichern, wenn sie ihre bescheidenen Freiheiten bewahren wollen. Sonst werden sie kaltgestellt. So gab es auch jene Humboldt-Stipendiaten, die zu den Empfängen gar nicht auftauchten, weil sie gerade in Ungnade waren. Wer ganz clever ist, hat nicht nur Freunde in der Partei, sondern auch noch einen Fürsprecher bei der Kurie. Das gehört zu den polnischen Paradoxen: Die Kirche ist die einzige offiziell geduldete Opposition im Staate. Alle Wissenschaftler, die ich fragte, gingen in die Kirche. Weil sie fromm waren? Vielleicht, aber auch, „weil die Kirche der einzige Ort ist, in dem man erfährt, was wirklich läuft“, erklärte einer. Die ernsten Versorgungsschwierigkeiten, unter denen Polen leidet, wurden vor über einem Jahr öffentlich zum erstenmal bekannt, als die Priester sie von den Kanzeln verkündeten.

Im Kontrast zum polnischen Staatssozialismus, der aus allen Schaufenstern gähnt, kann das Auge in den verschwenderisch geschmückten polnischen Kirchen noch auf die Weide gehen. Der Duft von Weihrauch, Bohnerwachs und Narzissen macht zwar leicht benommen. Auch scheinen die Orgeln von frühmorgens bis abends in Betrieb. Von emsigen Priestern wird mit sonorer Stimme eine Messe nach der anderen gelesen, zwischendurch werden noch Brautpaare getraut, Kinder getauft und Mai-Andachten gehalten. Nirgendwo fehlten die Gläubigen. Sie gingen in den Gotteshäusern ein und aus, als wären sie zu Hause.

Die Melancholie über soviel gedrücktes Leben verschwand auf der Besuchsreise durch die Universitäten einmal – in der katholischen Universität Lublin, wo auch sonst. Polen steht auf Paradoxen. Achtzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt, mitten in einer armen Landschaft, die für das Musical „Anatevka“ gemacht sein könnte, existiert diese von Patres geleitete Universität als eine Kuriosität nicht nur Polens, sondern des gesamten Ostblocks. Für Wissenschaftler aus Polen, aber auch aus der DDR, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei existiert hier die einzige philosophisch-theologische Bibliothek des Ostblocks. Die Universität ist zwar staatlich anerkannt, aber sie bekommt kein Geld vom Staat, sondern finanziert sich aus Spenden, um die fünfmal pro Jahr in sämtlichen Kirchen Polens gebeten wird. Das Geld kommt aber auch von Freundeskreisen aus dem Ausland. In der KUL (Abkürzung für Katholische Universität Lublin) hängt das Kreuz über dem polnischen Adler und die Devise lautet: „Für Gott und das Vaterland.“ Die Universität wird als eine „Alternative zur offiziellen Kultur Polens“ erklärte Mehr Worte werden nicht gemacht, aber im Nebel bleibt auch nichts. Dabei hat die KUL die größtmögliche Freiheit, die in sozialistischen Ländern heute möglich ist. Hier formieren die polnischen Katholiken nicht nur ihre Priester, sondern ihre Intelligentsia (2500 Studenten sind es derzeit). Daß sie dabei helfen kann, ist ein besonderes Ruhmesblatt der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.