Lieber Herr Krzemiński,

ja, ich bin ganz Ihrer Meinung. Wir müssen den „weißen Fleck“ beseitigen, ihn allmählich ausfüllen, nur glaube ich, daß wir auf diesem Wege bereits weiter gediehen sind, als Sie meinen. Im Juni vorigen Jahres hatten wir das erste deutsch-polnische Forum in Bonn, bei dem ohne Deklamationen und ohne gegenseitige Vorwürfe ganz offen diskutiert wurde – auch Probleme, bei denen wir verschiedene Rechtsstandpunkte einnehmen. Ich schrieb damals einen Leitartikel: „Endlich kam die Wetterwende – Die zweite Phase der Normalisierung beginnt“.

Gewiß, es ist schwer, unbefangen zu sein. Man muß erst wieder lernen, miteinander umzugehen, ohne stets die Vergangenheit mitzudenken oder zu erwarten, daß sie mitgedacht wird. In dieser Hinsicht scheint mir sehr ermutigend, daß alle meine Landsleute, die zu Besuch in der alten Heimat waren, nach ihrer Rückkehr die Gastfreundschaft ihrer polnischen Gesprächspartner gar nicht genug preisen können.

Unsere Länder gehören beide nach Geschichte und Selbstverständnis zu Zentraleuropa. Ich meine, wir sollten unsere heutigen Beziehungen nicht losgelöst von unserer tausendjährigen Nachbarschaft betrachten. Sie sprechen von den deutsch-französischen Beziehungen: Unsere, die deutsch-polnischen, sind in mancher Hinsicht älter und über lange Strecken auch viel enger geknüpft gewesen.

Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sprach doch das städtische Patriziat in Polen deutsch. Im 15. und 16. Jahrhundert war es selbstverständlich, daß zu der „Cavalierstour“, die auch meine Vorfahren unternahmen und die meist mehrere Jahre dauerte, Warschau genauso gehörte wie Paris, Leiden und Rom. Deutsche Gelehrte und Künstler haben, wie wir alle wissen, seit dem 15. Jahrhundert in Kraukau viele Spuren hinterlassen. Die ersten literarischen Gesellschaften, die dort errichtet wurden, sind von Deutschen gegründet worden, wie auch später in Warschau das Verlagswesen auf Michael Groll, einen Deutschen, zurückgeht.

Sie haben recht, heute ist die kulturelle Verwobenheit kaum spürbar. Über viele Jahrhunderte aber war sie sehr vielgestaltig. Der große polnische Humanist Johannes a Lasco stand in reger Verbindung mit Melanchthon in Wittenberg und mit Erasmus in Basel; übrigens, was nicht allgemein bekannt ist, er kaufte dessen. Bibliothek, um sie ihm dann zur lebenslänglichen Benutzung zu überlassen. Leibnitz, der großes Ansehen am preußischen Hof genoß und der der Gründer und erste Präsident der preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin wurde, stammte aus einer polnischen Familie. Sein Urgroßvater, der während einer Verfolgung Andersgläubiger aus Polen nach Deutschland geflüchtet war, hieß noch Lubniecki.

Und selbst noch im vorigen Jahrhundert gab es viele Beziehungen hin und her: Ihr großer Dichter Mickiewicz war ein begeisterter Verehrer Schillers, dessen Demetrius ja den Krakauer Reichstag zum Hintergrund hat. Heinrich Heine, Georg Büchner, Nikolaus. Lenau,